Ilgen-Nur Borali: Am Fenster zur Welt - DER SPIEGEL
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Songwriterin Ilgen-Nur Der Welt nicht alles über sich verraten

Sie ist die Nachwuchs-Songwriterin, auf die Indie-Deutschland lange gewartet hat: Ilgen-Nur gesteht sich Sanftheit zu, hat aber immer alles unter Kontrolle. Ein Treffen.
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Meistens geht die Sache mit dem "Power Nap" ja schief. Man legt sich kurz hin, um produktiv den Resttag zu meistern, und steht nie wieder auf. Am Ende hat man nichts geschafft, außer Kraft zu sammeln für die Nacht in der Kneipe. Ein Spitzenbild für eine zärtlich-schluffige Gitarrenplatte also, für ein Coming-of-Age-Album über große Pläne und emotionale Erschöpfung gar.

Die Musikerin Ilgen-Nur muss uns jedoch enttäuschen: "Power Nap" heißt ihr Debütalbum zwar, aber es handelt, obwohl ihr eilig das "Slacker"-Etikett angeheftet wurde, nicht vom Liegenbleiben."Ich finde eher das Wortspiel interessant", sagt Ilgen-Nur im Interview. "'Power' und 'nap' sind krasse Begriffe, und ich habe das Gefühl, sie beschreiben meine Musik sehr gut." Sie selbst, möchte man ergänzen, vielleicht auch: Auch wenn sie "krass" sagt, klingt sie ein bisschen, als müsse man sich ein Schulterzucken dazudenken.

Ilgen-Nur Borali aus der Nähe von Stuttgart hat zwei Jahre und eine Kassette gebraucht, um von der Schlafzimmermusikerin zu der Songwriterin zu werden, die sich die deutsche Indie-Szene so sehr gewünscht hat: eine in der jungen Tradition von Musikerinnen wie Courtney Barnett, Snail Mail, Mitski, Nilüfer Yanya oder Stella Donnelly. Sie alle finden zwar keinen völlig neuen Zugang zur Gitarrenmusik, aber Alternativen zu den Erzählungen der weißen Hetero-Boys, die das Genre lange dominierten.

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Der Engländerin Yanya ähnelt Ilgen-Nur auch in Sachen Gesangsstil verblüffend: Beide haben diese dunkle, biscuitweiche Stimme, die häufig knapp am Gelangweiltklingen vorbeischrammt. "No Emotions" hieß Ilgen-Nurs erste, auf Tape erschienene EP von 2017. Auf dem Cover sah sie ordentlich verheult aus. Ein erster Hinweis darauf, wie ihre Bühnenpersona zu lesen ist. "Viele verstehen nicht, warum ich nicht so viele Ansagen bei Konzerten mache, warum ich immer ein straightes Gesicht aufsetze und nicht die beste Laune auf der Bühne habe", sagt Ilgen-Nur. "Es ist eben emotional anstrengend, Songs zu performen, die Teil deines Lebens sind."

Der aufreizend neutrale Ausdruck, den sie auch im Gespräch selten ablegt, ist Ilgen-Nurs größte Provokation: Weil sie ihre Sorgen und Unsicherheiten offenlegt - und der Welt doch nicht alles schenken mag. Weil sie sich herausnimmt, alles unter Kontrolle zu haben, aber trotzdem soft und gefühlsdurchlässig zu sein.

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Vor wenigen Wochen ist Ilgen-Nur von Hamburg nach Berlin gezogen. Was ihr in der neuen Stadt gleich aufgefallen sei, sind die Mülleimer: In Hamburg sehen sie rot aus, in Berlin orange. Sie gehe aufmerksam durch den Tag, sagt Ilgen-Nur über sich selbst. In ihren Liedern verhandelt sie die großen Themen im Kleinen. Ilgen-Nur singt über Milch, die sie nicht eingekauft hat, und Schmuck, den sie im Bad einer anderen Person liegenlässt. Auf dem Albumcover sitzt Ilgen-Nur in einem Bett inmitten zerwühlter Laken, durchs Fenster fällt weiches Tageslicht. Ein Ort, an dem sie sich wohlfühlt, brauche ein gutes, bequemes Bett. Und ein großes Fenster oder einen Balkon, als Bezug zur Außenwelt.

Es macht also Sinn, dass einem viele Songs auf "Power Nap" das Gefühl geben, die Reise in Ilgen-Nurs Wohnung zu beginnen, um ihr schließlich hinaus in die Welt zu folgen. Selbst, wenn die Fahrt nach New York geht, startet sie am Frühstückstisch: mit Toast und Honig und Butter, wie in der Single "In My Head".

Während der Flug nach Amerika im Song nur ein Traum bleibt, streift sie im Video wirklich durch Manhattan. An ihrer Seite: eine Bekannte aus New York, der das Lied gewidmet ist. Wie viele wichtige Menschen in ihrem Leben hat Ilgen-Nur sie im Internet getroffen. Ilgen-Nur wurde 1996 geboren. Vordigitale Zeiten kennt sie nicht, Einsamkeit schon. In der Schule sei sie Außenseiterin gewesen.

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Später zog sie in den Schwarzwald, hatte öde Jobs, ging schließlich nach Hamburg und tauchte ein in die Musikszene der Stadt. Irgendwann stellte sie sich die Frage: Wenn jeder Depp hier eine Band hat, warum schreibe ausgerechnet ich meine Lieder für die Schublade? Als Ilgen-Nur ihren Song "Cool" ins Netz stellte, ging alles sehr schnell. Das Leipziger Kassettenlabel Sunny Tapes meldete sich, um ihre Debüt-EP zu veröffentlichen. Sie ging auf Tour im Vorprogramm von Tocotronic, nahm schließlich ihr erstes Album auf.

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Max Rieger, Sänger der Band Die Nerven und Lieblingsproduzent des deutschen Indie-Nachwuchses, verhalf "Power Nap" zu seinem Sound. Die neuen Stücke klingen nicht so pragmatisch hingeschludert wie Ilgen-Nurs frühe, auch von Rieger produzierte Songs, sondern manchmal schwebender, manchmal mächtiger, ohne das Zerwühlte-Laken-Gefühl einzubüßen. Ihre pointierten Zeilen kreisen nach wie vor eher ums Innen als ums Außen.

Ilgen-Nur sagt, es gehe ihr auf die Nerven, dass jede Frau mit Gitarre in der Hand alles über Feminismus auf dem Schirm haben müsse. "Das Thema sollte niemandem egal sein, aber keiner sollte gezwungen sein, ständig darüber zu reden." Sie zwingt sich nicht. Dass ihr Song "Silver Future" nach einer Berliner Queer-Bar benannt wurde, dass das besungene love interest bei Ilgen-Nur eine "she" ist, all das kann man leicht überhören.

Nicht aber, was für gewaltige Kräfte die Frau mit dem Schulterzuckblick freisetzen kann, wenn man sie verletzt. "You break my heart, I'll break your spine", droht sie im Song "You're A Mess". Es ist eine Ansage: Auch aus dem Zimmerfenster kann man ziemlich laut in die Welt schreien.

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