Interview: "Der will Kohle machen, sonst nichts" - DER SPIEGEL
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Interview "Der will Kohle machen, sonst nichts"

Der Berliner Rapper Fler schlägt Kapital aus einem dumpfen Nationalismus. SPIEGEL ONLINE sprach mit Falco Schumann, Spezialist für rechte Jugendkulturen und Mitarbeiter beim Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum, wie der Rechtsruck auf dem deutschen Musikmarkt einzuordnen ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Schumann, Flers Album wurde mit dem Hitler-Zitat "Ab 1. Mai wird zurückgeschossen" beworben, außerdem singt er Zeilen wie "Schwarz, rot, gold, stolz und hart". Ist Fler ein rappender Neonazi?

Schumann: Ich glaube nicht, dass er politische Ziele verfolgt. Seine Musik hat mit Rechtsrock, hinter dem die organisierte rechte Szene steckt, nichts zu tun. Er ist also kein echter Nazi. Aber er tendiert stark nach rechts und spricht das offen aus. Das gab es im HipHop bisher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht bedenklich, dass da jemand über die Charts extrem nationalistisches Gedankengut verbreitet?

Schumann: Natürlich, man muss Fler aber gar nicht in die Neonazi-Ecke stellen, um ihn zu kritisieren. Ich finde ihn gefährlich, gerade weil er kein Nazi ist. Seine Musik wird auf Viva und MTV rauf und runter gespielt und damit kann er die Mainstream-Jugendkultur direkt mit seinen Positionen infiltrieren.

SPIEGEL ONLINE: Wer hört überhaupt solche Musik?

Schumann: Es gibt immer mehr Jugendliche, die Angst davor haben, als Deutsche im eigenen Land irgendwann den Kürzeren zu ziehen. Ich beobachte zum Beispiel seit etwa zwei Jahren, dass "Du Jude" als Schimpfwort ganz selbstverständlich gebraucht wird. Früher galt alles Nationalistische als uncool und war nicht stylisch. Jetzt kommt einer wie Fler und sagt: Deutsch-Sein ist cool und angesagt. Und darum geht es. Rechte Positionen sind mittlerweile allgemein akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn das Weltbild solcher Jugendlicher aus?

Schumann: Die haben keine geschlossenen ideologischen Weltbilder. Sie glauben an einen wirren Mischmasch, den sie sich selbst zusammengereimt haben. Die Popkultur hat da sehr großen Einfluss. Sobald einer wie Fler nationalistische Parolen ausgibt, denken viele, dass sie das dann auch ungestraft sagen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Vorbilder für rechten HipHop?

Schumann: Nicht wirklich. HipHop gilt ja traditionell als weltoffen und multikulturell. Es gibt zwar die amerikanische HipHop-Band Neohate, aber die macht eindeutig "White-Power-Rap". Das sind richtige Neonazis. Wenn man sich dagegen Mainstream-Rapper wie 50 Cent anschaut, da geht die Entwicklung im Moment ins Inhaltsleere. Der deutsche Rap passt sich da natürlich an. Aber das Nationalistische ist neu.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Fler kein Neonazi ist, welche Ziele verfolgt er dann?

Schumann: Meiner Meinung nach ist das eine Mischung aus gezielt eingesetztem Nationalismus als Marketing-Instrument und Dummheit. Er tut so, als sei er als erster auf die Idee gekommen, deutsch zu rappen und als sei alles von der amerikanischen Musikindustrie unterjocht. Aber das ist Blödsinn, es gibt seit 15 Jahren deutschen HipHop. Aus mangelnder Qualität spielt er einfach die nationale Karte.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll man damit umgehen?

Schumann: Die Debatte, die man führen müsste, ist relativ unpopulär. Man müsste die Leitkultur-Debatte zu Ende führen, denn hier baut einer nicht zu Ende gedachte Positionen der Politik in die Popkultur ein. Am meisten würde man ihm schaden, wenn man ihm keine Publicity als Neonazi zugesteht, sondern einfach sagt: Das ist ein Idiot, der will Kohle machen und sonst nichts.

Das Interview führte Jenny Hoch