Interview mit Afrob: "In Deutschland wird immer nur reagiert" - DER SPIEGEL
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Interview mit Afrob "In Deutschland wird immer nur reagiert"

Der 20-jährige Stuttgarter Robert Zemichiel alias Afrob gilt, auch dank seines neuen Albums "Made In Germany", als einer der ambitioniertesten Rapper in Deutschland. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die politische Landschaft Deutschlands und die Politikverdrossenheit der Jugendlichen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Zemichiel, "Made in Germany" hat deutlich mehr politische Inhalte als Ihr erstes Album. Ist Ihnen Politik wichtiger als Unterhaltung?

Afrob: Politik ist etwas, was mich immer schon beschäftigt hat. Aber diese ganzen Bekenntnisse und Bündnisse und Aktionen gegen den Rechtsradikalismus, die gerade populär sind, sind doch alles heiße Luft. Das interessiert doch alles keine Sau mehr. Wer weiß heute noch, warum vor zwei, drei Jahren die Leute überall Lichterketten abgefeiert haben? Diese Betroffenheit ist so verlogen, und das macht mich viel wütender, als wenn man gar nichts machen würde.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist eine Protesthaltung - betroffen hin oder her - nicht erst mal gut?

Afrob: Ja, aber dann muss man jedes Jahr so etwas auf die Beine stellen, und nicht erst dann, wenn was passiert ist. In Deutschland wird immer nur reagiert. Kinder werden von Kampfhunden zerfetzt, Menschen von Nazis getötet. Aber auf alles wird immer nur reagiert. Warum muss immer erst etwas passieren, ehe die Politiker aufwachen? Wann fängt man an, wirklich mal was zu tun?

SPIEGEL ONLINE: Kann HipHop etwas ändern?

Afrob: Man muss es zumindest versuchen. HipHop als Subkultur hat die Chance, die Leute zu erreichen, weil die Kids nun mal HipHop hören. Was mich ankotzt, ist die bloße Überlegung der Politiker, ob Parteien wie die NPD verfassungsfeindlich sind. Natürlich sind die das, keine Diskussion.

SPIEGEL ONLINE: Über welchen Politiker ärgern Sie sich zur Zeit am meisten?

Afrob: Über Laurenz Meyer, den Generalsekretär der CDU. Der lässt Faschosprüche ab wie "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", und wenn man ihm dann Nähe zu Neonazis unterstellt, fängt er an rumzuheulen und sich missverstanden zu fühlen. Als ob er das Opfer wäre. Man kann stolz auf ein Auto sein, dass man sich erarbeitet hat. Aber doch nicht darauf, wo man herkommt.

SPIEGEL ONLINE: Fällt Ihnen zur deutschen Politik auch etwas Positives ein?

Afrob: Ich persönlich bin glücklich über die rot-grüne Regierung, da passiert was. Vieles ist einfacher geworden, seitdem die das Sagen haben. Deutschland hat eine Narbe, die nach der Maueröffnung nicht mehr verheilt ist. Damals, zu den Zeiten, als ein Manfred Kanther Innenminister war, war das eine andere Geschichte. Nach außen gab Kanther den großen Aufräumer mit Feldherren-Attitüde, aber für mich war er hintenrum ein Krimineller.

SPIEGEL ONLINE: Verliert man durch solche Politiker den Rest an Vertrauen in die Politik?

Afrob: Der ist schon verloren gegangen. Der normale Wähler glaubt doch an gar nichts mehr. Das hört ja nicht auf. Jetzt ist sogar der Biedenkopf dran, der jahrelang als integer galt. Als konservativ eingestellter CDU-Wähler würde ich verzweifeln. An wen sollen die Leute noch glauben? Meiner Meinung nach ist selbst Otto Schily von der SPD ein seniler Greis geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sollen die Leute mehr an Musik glauben?

Afrob: Das tun ja nur noch ganz wenige. Musik, die Leute in ihrem Denken beeinflusst, gibt es kaum noch. Deutschland wird immer älter, diese Leute haben ihre verfestigte Weltanschauung. Kids aber, die sich für Politik nicht interessieren, gehen auch nicht wählen. Das interessiert die einen Scheißdreck, wer regiert. Diese Politikverdrossenheit ist gefährlich, das müssen Politiker mal raffen. Schau dir Italien mit Berlusconi an. Da ist jemand an der Macht, der, auf Deutschland übertragen, den Vorsitz der DVU, die Präsidentschaft bei Bayern München und die Macht von Leo Kirch vereint. Das ist doch Wahnsinn, das kann doch nicht wahr sein!

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man denn den Jugendlichen das Vertrauen in die Politik wiedergeben?

Afrob: Sie müssen selbst Interesse spüren. Und es muss nachvollziehbare Politik gemacht werden, die Jugendliche verstehen. Politiker sind so elitär, die müssen mal runter von ihrem hohen Ross. Ich sage immer nur: Oklahoma. Bei dem Attentat von Timothy McVeigh auf dieses Regierungsgebäude hat der amerikanische Staat gemerkt, wie verwundbar er ist. Das wird auch irgendwann in Deutschland passieren, wenn wir nicht alle aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie trotz allem einen Lieblingspolitiker?

Afrob:Ganz klar Jürgen Trittin. Was der für Sprüche ablässt - bei dem ist alles cool und underground. Wenn Trittin Musik machen würde, wäre er HipHopper.

Interview: Stéfan Picker-Dressel

Afrobs neues Album "Made In Germany" (Four Music/Columbia/Sony) wurde am 25. Juni 2001 veröffentlicht.