Interview mit Echt: "Intelligenz hat nichts mit Allgemeinwissen zu tun" - DER SPIEGEL
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Interview mit Echt "Intelligenz hat nichts mit Allgemeinwissen zu tun"

Die Band Echt, die mit der Neuauflage des Rio-Reiser-Songs "Junimond" bekannt wurde, veröffentlicht dieser Tage ihr drittes Album: "Recorder". Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sprachen die fünf Jungs über Dummheit, politische Texte und aufdringliche Fans.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Kim, Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie Angst vor aufdringlichen Fans haben. Wie gehen Sie damit um?

Kim: Man lernt eben, damit umzugehen. Es ist ähnlich wie bei einer hübschen Frau, die von vielen Männern angemacht wird. Die lernt ja auch, jemanden charmant abblitzen zu lassen und durchblicken zu lassen, dass das Gespräch keine Zukunft hat, ohne dabei ihrem Gegenüber weh zu tun. Mich graben auch Männer an. Die sind meist zwischen 20 und 30 und sagen fast immer, dass sie zwar nicht zu unserer Zielgruppe gehören und unsere Musik nicht hören, aber uns im Fernsehen gesehen haben und einige Sachen, die wir machen, ganz geil finden. Manchmal bitten sie mich, Bescheid zu sagen, wenn sie mir auf die Nerven gehen. Da kann es vorkommen, dass ich auch mal sage: "Ja, jetzt." Dann gucken sie blöd und gehen.

SPIEGEL ONLINE: Während Ihrer Affäre mit Bravo-TV-Moderatorin Enie van de Meiklokjes tauchten Sie regelmäßig in "Bunte" oder "Gala" auf. Über Ihre Musik hat jedoch kaum jemand geredet. Das kann doch nicht Ihr Ziel gewesen sein...

Kim: War es auch nicht. Aber wie sollte ich das vermeiden? Dann hätte ich eben eine andere Freundin gehabt, über die man geredet hätte. Es ist ja generell so - egal in welcher Zeitschrift man auftaucht - es gibt immer jemanden, der diese Zeitschrift schlecht findet und es blöd findet, dass wir dort stattfinden. Und nutzt man dann doch einmal ein bestimmtes Medium, wie "Bravo", die ebenfalls ein schlechtes Image hat, regen sich bestimmte Leute auch wieder darüber auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zugegeben, dass Sie manchmal kiffen, dem Alkohol nicht abgeneigt sind und auch andere Vorzüge eines Lebens als Popstar zu schätzen wissen. Lehnen Sie eine Vorbildfunktion für Ihr Publikum ab?

Flo: Es gibt einfach ein paar Sachen, die für uns völlig natürlich sind und die wir uns auch von niemandem nehmen lassen wollen. Das sind keine Sachen, für die wir uns verstecken müssten. Über manche Dinge macht man sich viel mehr Gedanken, als es erforderlich wäre. Wenn man sehr darauf konzentriert ist, der Öffentlichkeit eine weiße Weste vorzumachen und dann durch Zufall bei etwas ertappt wird, stürzen sich erst recht alle darauf und man hat sich bis auf weiteres unglaubwürdig gemacht.

Kim: Weil Flo einmal sagt, dass er auch schon mal einen Joint geraucht hat, heißt das noch lange nicht, dass sofort 200 Mädchen loslaufen, um sich von ihrem großen Bruder Gras zu leihen. Bezüglich Alkohol und Drogen haben wir auch immer zu Vorsicht geraten und gesagt, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss.

SPIEGEL ONLINE: Kim, nach Ihrem Auftritt in der "Harald Schmidt Show" mussten Sie harte Kritik einstecken. Es entstand der Eindruck, Sie hätten von den Terroranschlägen in den USA nur am Rande etwas mitbekommen. Die "Bild"-Zeitung fragte: "Wie dumm darf ein Popstar sein?" Alles nur ein großes Missverständnis?

Kim: Das war ein Witz von mir. Hinterher haben mich alle gefragt, was ich dazu sage, dass ich dumm sein soll. Intelligenz hat doch nichts mit Allgemeinwissen zu tun. Ich wollte eigentlich generell nicht über die politischen Ereignisse der letzten Zeit reden. Ich habe kein Radio und keinen Fernseher, weil ich solche Dinge boykottiere und sie mir keinen Spaß machen. Wenn ich einen Fernseher hätte, würde ich ihn anmachen und mich nach einer halben Stunde ärgern, dass ich nur Scheiße geguckt habe. Trotzdem habe ich die Anschläge natürlich mitbekommen. Ich hatte an diesem Abend Leute zum Essen bei mir, und es wurde drei Stunden lang darüber diskutiert, bevor wir endlich über etwas anderes reden konnten. Aber den Ausgang der Wahlen hier in Hamburg kenne ich wirklich nicht. Das würde ein gewisses Interesse erfordern, zum Beispiel, dass man sich eine Zeitung kauft.

Flo: Wir haben als Band natürlich unsere Meinung zu den Ereignissen in den USA. Es ist aber auch politisch, sich zu manchen politischen Themen nicht zu äußern. Jeder sagt was dazu, und wir wollen uns nicht unbedingt in einer Reihe mit Andreas Türck oder Jeanette Biedermann stellen. Uns ist es nicht egal, was wir sagen. Wenn wir uns äußern, wollen wir auch dahinter stehen können.

SPIEGEL ONLINE: Es wird also auch in Zukunft keine politischen Texte von Echt geben?

Kim: Wir sind ja eher in einer friedliche Zeit geboren. In Deutschland ist doch eigentlich alles friedlich bis auf die Aufregung, die jetzt von drüben hierher schwappt. Wirklich verändert hat sich hier noch nichts.

Kai: In den Städten Deutschlands gibt es ja nicht viel, außer vielleicht Arbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus. Es würde uns keinen Spaß machen, das immer wieder durchzukauen und uns wie andere Bands über diese Themen zu profilieren. Wir sind halt sehr behütet aufgewachsen. Wir beschäftigen uns eher mit den Dingen, die uns täglich begegnen.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl man Ihre Musik in letzter Zeit immer ernster genommen hat, treten Sie auch weiterhin bei suspekten Massenveranstaltungen wie "The Dome" auf. Wie kommen Sie mit den Boygroup-, Dancefloor- und Plastikacts, die dort vornehmlich spielen, zurecht?

Flo: Das ist natürlich ein ganz anderer Film. Da kann es schon mal vorkommen, dass wir komisch angeguckt werden, weil wir live spielen wollen. Die Leute, die dort auftreten, haben größtenteils eine ganz andere Motivation als wir. Letztens kam DJ Ötzi auf uns zu und meinte: "Jungs, das wird ganz bös' enden mit euch, weil ihr euren Wiedererkennungswert nicht pflegt. Kim muss sich die Haare wieder abschneiden und blond färben. Schaut mich an - ich bin so erfolgreich, weil ich immer meine Tracht anhabe und die Sonnenbrille." Das war von ihm völlig ernst gemeint. Aber wir haben auch Künstler getroffen, die völlig frustriert sind von dem, was sie tun.

Das Interview führte Jan Wigger