Interview mit Heinz Rudolf Kunze: "Ich habe nie gelogen" - DER SPIEGEL
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Interview mit Heinz Rudolf Kunze "Ich habe nie gelogen"

Zum Diplomaten ist Heinz Rudolf Kunze, 44, einfach nicht geboren. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Deutschlands unbequemster Musiker über Intellektuelle, Betroffenheitslyriker und Oasis.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Mit Ihrem neuen Album "Halt" gelang Ihnen soeben der höchste Charteinstieg (Platz zehn) Ihrer langen Karriere. Die Werbung verspricht dazu einen echten, typischen Kunze - was ist das eigentlich?

Heinz Rudolf Kunze: Die Frage muss ich an den Fragesteller zurückgeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst können also nicht benennen, was sich durch zwanzig Alben als roter Faden zieht?

Kunze: Ich habe nie gelogen. Und ich habe mich stets um eine Mischung aus Erlebtem und Erfundenem bemüht, weshalb der Cocktail aus beidem auch immer ein bisschen anders war als der vorige. Und ich bin, ganz ehrlich, auf dieses musikalische Tagebuch stolz. Auch wenn ich vermutlich noch viel erfolgreicher hätte sein können.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Kunze: Ich hätte zum Beispiel nicht dieser XTC-Philosophie folgen und mir die bestmögliche Band leisten müssen. Mit solchen exquisiten Musikern neigst du halt zum Experimentieren, und deshalb gibt es ja auch von Heavy Metal über Reggae und Techno bis zur Ballade jeden Stil in meiner Sammlung. Was sie nicht marktgerechter macht. Und vielleicht sehe ich auch nicht gerade aus wie der Erfolgstyp. Aber Elton John ist noch hässlicher, das hat nichts zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmen Sie auch dem Lamento derer zu, die an immer schlechtere Chancen für alles Intellektuelle glauben?

Kunze: Ich weiß, dass es eine Clique von Intellektuellen gibt, die sagen, es sei nicht so. Sie irren sich. Wer mit Kreativität und Phantasie in diesem Geschäft arbeiten will, befindet sich im permanenten Abwehrkampf.

SPIEGEL ONLINE: Aber das hat doch wohl kaum in der Popmusik begonnen...

Kunze: Richtig. Aber dort sind die Ausprägungen am schnellsten zu entdecken. Ich habe mir zum Beispiel kürzlich meine erste Oasis-CD gekauft, weil ich glaubte, in meiner Sammlung etwas haben zu müssen, wovon so viele Leute reden. Ich kaufte mir die Live-Doppel-CD - eine erbärmliche Platte. Dieser minderwertige Gitarrist Noel Gallagher, der seinen ganzen Ruhm auf "Rain" und "Tomorrow Never Knows" von den Beatles aufbaut, und dieser pöbelnde, dumpfbackige Liam, der angeblich ja die Stimme einer ganzen Generation sein soll und die Band die beste der Welt. Ich weigere mich einfach, daran zu glauben. Es scheint da einen ungeheuren Wahrnehmungsverfall zu geben, und gegen den muss man kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: So wie gegen den braunen Sumpf, der im Titelsong Ihrer CD zum Ziel wird. Haben Sie keine Angst, der Betroffenheitslyrik bezichtigt und verlacht zu werden?

Kunze: Ich kann mir sogar noch ganz andere und auch schlimmere Reaktionen vorstellen. Ich kenne schließlich diese Riege der Zyniker, die im Grunde alles und jeden schlecht und unnötig finden. Ich wollte einfach nur dokumentieren, was mir jetzt gerade aufgefallen ist, und ich scheiß' auf die Kommentare.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, eines Tages das Schicksal der Liedermacher zu teilen, denen ja auch kaum jemand mehr zuhört?

Kunze: Ich möchte nichts gegen diese wunderbaren Kollegen sagen bis auf dies: Sie haben sich allesamt musikalisch sehr unvernünftig benommen. Sie haben sich auf der wirklich wichtigen Ebene der Musik als Transportmittel der Worte nicht genügend bewegt. Das habe ich anders gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wo in der deutschen Musikszene ordnen Sie sich denn musikalisch ein?

Kunze: Mal von den großartigen Musikern in anderen Genres wie Techno, Dance und so weiter abgesehen, wage ich für meinen Bereich, also für den deutschen Rock, die kühne Aussage, dass es im ganzen Land nur zwei wirklich gute Bands gibt. Die eine ist die Band von Peter Maffay, die andere spielt mit mir. Punkt.

Heinz Rudolf Kunze: "Halt" (WEA), veröffentlicht am 22. Januar 2001

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