Interview mit Steven Tyler "Britney ist auch cool"
SPIEGEL ONLINE:
Wenn Sie sich jetzt auf Knopfdruck in jemand anderes verwandeln könnten, würden Sie?
Steven Tyler: Nein. Mir gefällt, was aus mir geworden ist.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn ich Sie Anfang der Achtziger gefragt hätte?
Tyler: Hätte ich die Frage nicht verstanden. Zu der Zeit habe ich so viele Drogen genommen. Ich hatte den Kontakt zu mir vollständig verloren. Ich habe alles weggeschmissen: eine erfolgreiche Band, Frau, Kinder, eine Million auf der Bank, alles. Können Sie sich das vorstellen?
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gebetet?
Tyler: Ich habe es versucht, aber ich hatte eine schlechte Verbindung zu Gott.
SPIEGEL ONLINE: Aber zu wem Sie auch immer gesprochen haben, Sie wurden erhört.
Tyler: Ein Engel rechts, ein Engel links, vor, hinter, unter und über mir. Egal, wo ich jetzt hinfalle, da ist ein Engel, um mich aufzufangen. Da sind Liv und Mia, dann habe ich noch eine Tochter namens Chelsea, sie ist zwölf. Und mein Sohn Tage, er ist unlängst acht geworden.
SPIEGEL ONLINE: Vier Kinder?
Tyler: Ja.
SPIEGEL ONLINE: Keine vergessen? Keine Überraschungen mehr möglich?
Tyler: Ich glaube nicht. Ich hatte zu viel damit zu tun, ständig high zu sein. Ich kam nicht zum Bumsen. Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr gebumst.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie waren doch recht aktiv, oder?
Tyler: Nein, ich war viel zu high. Wenn ich daran denke, welche Chancen ich hatte, aber ich saß ja ständig mit dem Drummer von Queen auf dem Klo.
SPIEGEL ONLINE: Hat das denn Spaß gemacht?
Tyler: Koks ziehen? Ja, war schon o.k. Wir haben Schmuck getauscht. Und Sachen gemacht, die ich am nächsten Morgen immer vergessen hatte. Zu der Zeit dachte ich, das ist perfekt. Ich war ständig im Kino und konnte mir die Filme immer wieder angucken, weil ich sie am nächsten Tag vergessen hatte.
SPIEGEL ONLINE: Und andere Leute haben Ihnen erzählt, was wirklich passiert ist?
Tyler: Sicher, aber wenn allgemein bekannt ist, dass du ein Junkie bist, wird das auch gerne zur Farce. Joe Perry ist mal in Kanada liegen geblieben, weil er kein Benzin hatte. Eine Woche später hat sich eine Frau gemeldet und gesagt, dass er die Nacht bei ihr war und ihre Tochter geheiratet hat. Dabei ist er nur reingegangen, um Benzin zu holen. Solche Sachen musst du dann ertragen.
SPIEGEL ONLINE: Und wie fühlt sich Aerosmith jetzt an? Eine gut geölte, hochprofessionelle Entertainment-Maschine?
Tyler: Nein. Es geht immer noch um Musik. Joe und ich setzen uns jeden Tag sechs Stunden hin und schreiben. Wenn wir dann noch Zeit haben, denken wir darüber nach, wie wir uns präsentieren wollen. Da ist nichts Poliertes dran. Und was das Geld angeht: Für den Auftritt beim Superbowl haben wir keinen Pfennig bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Nur eine Milliarde Zuschauer.
Tyler: Es geht immer noch darum, den Showbusiness-Leuten zu zeigen, dass wir nicht das sind, was sie denken. Aber das Wichtigste ist: Ich möchte singen, und ich möchte, dass Joe Perry dazu Gitarre spielt.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie haben keine Probleme damit, zusammen mit Leuten auf der Bühne zu stehen, die Ihre Fans als Bubblegum-Pop abtun? Oder sind Britney-Spears-Fans und Aerosmith-Fans dieselben Menschen?
Tyler: Nein. Deswegen haben wir das ja gemacht. Es war cool. Und ich sage Ihnen was - Britney ist auch cool.
SPIEGEL ONLINE: Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie sich größere Bands ausgesucht, um sie als Vorgruppe an die Wand zu spielen. Ging es diesmal auch darum, der Pop-Welt zu zeigen, wie man rockt?
Tyler: Es ist ein Wettbewerb, und du willst der Beste sein. Heute treffe ich Bands, die sagen "Ey, weißt du Mann, ich will nur meine Musik spielen." Das ist eine Möglichkeit. Ich sehe das aber anders. Ich komme aus einer Zeit, wo es darum ging, wer größer, lauter, schneller, besser ist. So viele Leute haben Aerosmith immer als Rolling Stones für Arme angesehen, und wenn wir mal einen Hit hatten, dann hätten wir Glück gehabt. Es macht Spaß, diesen Leuten das Gegenteil zu beweisen.
SPIEGEL ONLINE: Und das Ziel? Die Rolling Stones als Vorgruppe?
Tyler: Wäre das nicht nett? Ja, ich würde gerne mit den Stones spielen.
SPIEGEL ONLINE: Dann feilschen die Manager mit dem Millimetermaß darum, wie groß die beiden Namen auf dem Plakat stehen.
Tyler: So ist das Business. Entweder es bringt dich um, oder es macht dich stärker.
SPIEGEL ONLINE: Und älter.
Tyler: Das ist das einzige Problem - dass du zu schnell alt wirst und zu langsam klug.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Vorbilder, wenn es darum geht, auf gute Art zu altern?
Tyler: Sean Connery macht das ganz gut.
SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie auch Golf?
Tyler: Ab und zu, mit meinem Vater.