Izzy: Im Mahlwerk der Crossover-Klassik - DER SPIEGEL
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Izzy Im Mahlwerk der Crossover-Klassik

Mit ihrem Piercing, Jeans und Turnschuhen könnte Izzy auch als Popsängerin durchgehen. Doch die 25-jährige Londonerin ist in ihrer Heimat der Nachwuchsstar im Bereich moderner Klassik. Mit ihrer CD "Ascolta" will sie nun auch den Rest der Welt erobern.
Von Peter M. Boenisch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon als Teenager wurde die in der Grafschaft Shropshire aufgewachsene Sopranistin an der renommierten Londoner Guildhall School of Music aufgenommen - und erwies sich dort als recht unangepasste Schülerin: In ihrer Freizeit ging sie mit Heavy-Metal-Freunden aus, übte sich mit ihnen im Headbanging, tanzte aber genauso in der Disco zu den Achtziger-Jahre-Hits von Michael Jackson und Peter Gabriel.

"Futuristischer Pionier zeitgenössischer Klassik"

Angeboten von Popproduzenten zum Trotz entschied sie sich nach ihrem Abitur für ein properes Studium der klassischen Musik. "Es wäre einfach eine Verschwendung meiner ganzen musikalischen Erziehung gewesen", meint Izzy - die auch heute noch auf Massive Attack und Moby steht - ganz selbstbewusst. "Ich wusste zwar, dass ich keine Opernsängerin werden wollte, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ein futuristischer Pionier zeitgenössischer Klassik zu werden, der mit alten Konventionen bricht." Kaum hatte sie vor zwei Jahren ihre Abschlussprüfungen absolviert, nahm sie ihr Debüt "Libera Me" auf, das in Großbritannien Platz eins der Klassikcharts erreichte und Izzy im vergangenen Jahr eine Nominierung bei den Brit-Awards einbrachte.

"Absolut marktkompatibel"

Die Songs für dieses erste Album hatte sie noch allesamt selbst geschrieben. Auf "Ascolta" singt sie nun aber Hits des klassischen Repertoires von Donizetti bis Dvorak, dazwischen ein paar britische Folk-Traditionals - wie Izzy selbst einräumt, ein Tribut an ihren neuen Arbeitgeber, den Plattengiganten Virgin: "So läuft halt das Musikgeschäft im 21. Jahrhundert: Die Platte musste absolut marktkompatibel sein, mit möglichst kontrastreichen Liedern, die international ankommen."

Damit nichts schief gehen kann, verpflichtete die Plattenfirma den Produzenten Craig Leon, der in der Vergangenheit genauso für Erfolgs-CDs von Pavarotti wie für das Comeback von Blondie verantwortlich zeichnete. Die Sängerin hofft indes, dass ihr kommerzielles Album nur ein Türöffner ist: "In der Zukunft möchte ich unbedingt wieder zu meinen eigenen Kompositionen zurückkehren und vor allem nicht nur bei der Klassik bleiben. Ich liebe vor allem keltischen Folk, das ist das Ideale für Leute, die Operngesang nicht so mögen."

"Sei so offen, es wenigstens mal auszuprobieren"

Ob diese Träume mit den Absichten ihrer neuen Bosse vereinbar sind, erscheint spätestens nach dem Konzert, mit dem Virgin seinen neuen Star unlängst vor geladenem Publikum in Münchens Deutschem Theater präsentierte, mehr als fraglich. Dort wurde nur allzu deutlich, dass das Label mit Izzy seine erste Klassikplatte herausbringt: Die sanfte Stimme samt intimem Kammerquintett, verstärkt über voll aufgedrehte Mikros und Riesenlautsprecher, als sei es ein Rockkonzert - das hat zwar das smarte Anzug- und Abendkleidpublikum begeistert, Klassikhörer aber in die Flucht geschlagen.

Da fühlte man am Ende fast Mitleid mit dieser sympathischen 26-Jährigen, die einen zuvor beim Interview mit leuchtenden Augen von den Vorzügen klassischen Gesangs zu überzeugen suchte: "Klassik ist beruhigend, einfach schön und in unserem mechanischen Zeitalter wie eine Therapie. Sei so offen, es wenigstens mal auszuprobieren." Izzys Tipps für Klassikeinsteiger: Puccinis Oper "Turandot", Mahlers Symphonien und Brittens Requiem. Zumindest Izzys erstes Album, hierzulande über britische Internetshops zu bestellen, kann man auch noch ohne schlechtes Gewissen empfehlen.

Izzy: "Ascolta"(Virgin Records), veröffentlicht am 12. Februar 2001