Jackson/Spears: Oops, sie tun es schon wieder - DER SPIEGEL
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Jackson/Spears Oops, sie tun es schon wieder

Die neuen Alben der Superstars Britney Spears und Michael Jackson bieten wenig Überraschendes ­ schon weil die immer gleichen Produzenten die Strippen ziehen.
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ür einen Burschen von 24 Jahren ist Rodney Jerkins verdammt brav und verteufelt erfolgreich. Aber er ist eben ein Streber: Er raucht nicht, trinkt nicht, verbarrikadiert sich fast rund um die Uhr in seinem Tonstudio unweit von Atlantic City und programmiert seine Computer. Vier Stunden Schlaf hat er sich zugeteilt, nur sonntags gönnt er sich eine Extra-Pause. Zum Beten angeblich. Jerkins macht Stars, und mittlerweile ist er selbst einer: Er hat einen der besten Aufträge angenommen, den die Pop-Industrie in jüngster Zeit zu vergeben hatte ­ er schrieb gleich eine Hand voll Songs für Michael Jacksons lang erwartetes neues Album "Invincible". Mit dem neuen Werk, das an diesem Montag auf den Markt kommt, will sich der selbst ernannte "King of Pop" nach sechs Jahren Pause wieder auf den Thron des Chart-Königs zurücksingen. Allerdings muss Jackson nach Sex-Skandallärm und kommerziellen Enttäuschungen schon auf ein kleines Wunder hoffen, um die geschätzten Produktionskosten von 30 Millionen Dollar für "Invincible" wieder einzuspielen. Dass er dafür die Dienste des jungen Songschreibers und Produzenten Jerkins in Anspruch nahm, anstatt sich auf die eigenen Künste zu verlassen, zeugt von Realitätssinn: In Wahrheit ist Jerkins der König der Hitparaden. Denn der Musterknabe versteht sich als Dienstleister ­ und produziert Superhits auf Bestellung. Ob Jennifer Lopez' "If You Had My Love", Whitney Houstons "It's Not Right But It's Okay" oder "Say My Name" von Destiny's Child : Jeder dieser Erfolgssongs ist ein Treffer seiner Firma "Darkchild Entertainment". Auch die Spice Girls und Puff Daddy hatten Jerkins schon gebucht. Ricky Martin, Rod Stewart und Mick Jagger stehen auf der Warteliste. Kurioserweise arbeitet Jerkins auch für Britney Spears, deren neues, Anfang November erscheinendes Album "Britney" als heißestes Konkurrenzprodukt zum neuen Jackson-Werk gilt. Auf der jüngsten CD der eisernen Jungfrau und Pepsi-Werbeträgerin (die sich jüngst in Australien von einem Fotografen gut gelaunt mit einer Coca-Cola-Flasche in der Hand erwischen ließ) ist Jerkins einer von diversen Studio-Zauberern ­ auch die Berater der smarten Pop-Teenagerin mit dem gepiercten Bauchnabel setzen auf bewährte Kräfte im Hintergrund. So mag Spears nun beteuern, die neue CD sei ihre bislang persönlichste, weil sie an fünf Songs der Platte mitwerkeln, also mitschreiben und -produzieren, durfte. Tatsächlich klingt die neue Britney Spears kaum anders als die alte. Rodney Jerkins, der fürs vorangegangene Album bereits eine Version des Rolling-Stones-Oldies "(I Can't Get No) Satisfaction" für Sie arrangierte, hat ihr diesmal den Lederhosenträger-Klassiker "I Love Rock'n'Roll" von Joan Jett and The Blackhearts zurechtgemixt ­ und einen neuen Song namens "Intimidation" beigesteuert. Für die Hauptarbeit am neuen Spears- Album wurde wieder der schwedische Produktionsprofi und Komponist Martin Sandberg, der sich Max Martin nennt, angeheuert. Martin, 30, ist der Schöpfer der Hits "... Baby One More Time" und "Oops! ... I Did It Again", die Britney Spears berühmt machten ­ und er ist dank Mitsing-Hymnen wie Bon Jovis "It's My Life" längst einer der Groß-Strippenzieher im Musikgeschäft. Martin beherrscht meisterlich die hohe Kunst, Lieder zu schreiben, die Kaufhaus-Verkäuferinnen ebenso mitsummen wie Kids und Investmentbanker. Bevor er für Britney Spears zu Werke geht, besucht er ihre Shows, forscht nach, was sie gerade so hört oder sonst so beschäftigt ­ und hält seine Ideen auf einem Diktiergerät fest. Im Studio quält er die Sängerin dann mit seiner Perfektionswut, lässt sie manche Zeilen dutzendfach wiederholen ­ "und am Ende fragt man sich, warum man da nicht von allein drauf gekommen ist", sagt Britney Spears. Leute wie Martin und Jerkins sorgen für erstaunlichen Gleichklang in den Hitparaden. Mit melodiearmem Elektro-Stakkato und gebremsten Beats klingt ihr Pop zwar hübsch futuristisch ­ und doch fabrizieren sie ihre Songs so, wie andere Autos oder Fertighäuser zusammenschrauben: präzise, perfekt und normiert. Massenware eben, die den schönen Vorzug hat, dass sie fast jeder Star singen kann. Es ist eine kleine Elite von Produzenten, die derzeit die Champions League der Hitparaden beliefert. Zu der gehören auch der kalifornische Altstar Dr. Dre und das aus Virginia stammende Duo The Neptunes, das gleichfalls bei Britney Spears mitbasteln durfte. Spears' aktuelle Single "I'm a Slave 4 U", derzeit auf Platz drei der deutschen Hitparade, klingt kaum anders als die aggressiven, rhythmusdominierten Songs auf Jacksons neuem Album. Gerade Michael Jacksons Werk "Invincible" aber belegt den neuen Einheitsmix aus harten Elektrobeats und lieblichem Schmusegesang, der mittlerweile als globales Soul-Rezept gelten kann. Egal, ob er von verlorenen Kindern, über den Himmel oder von Durchhaltephantasien wie "Invincible" oder "Unbreakable" singt: Obwohl er für viele Songs als Co-Autor firmiert, ist vom Künstler und Komponisten Jackson kaum mehr als die typische Quietsch-Stimme zu hören ­ viele der Songs würden auch zum Schnulzenkönig Enrique Iglesias passen. Oder, natürlich, zu Britney Spears. Max Martin etwa bestreitet gar nicht, dass die Interpreten seiner Arrangements im Grunde austauschbar sind: "Es ist nur so, dass sich die Platten mit Britneys Gesicht auf dem Cover nun mal besser verkaufen", sagt er. Natürlich gab es immer schon Sangeskünstler, die allein vom Talent ihrer Produzenten profitierten. In den fünfziger und sechziger Jahren waren viele erfolgreiche Popstars ausschließlich Interpreten. Doch in der Regel beschränkten sich die Studio-Bastler darauf, die Aufnahmen zu überwachen und mit guten Ratschlägen zur Stelle zu sein. Die meisten Produzenten waren wenig einflussreiche Dienstleister, die mäßig verdienten und dankbar sein durften, wenn ihr Name überhaupt auf der Plattenhülle im Kleingedruckten landete. Nur wenige schafften es, selbst zum Markenzeichen zu werden: so wie Sir George Martin, der so genannte fünfte Beatle, wie Phil Spector, der exzentrische Erfinder des "Wall of Sound"-Bombasts, oder auch Quincy Jones, der Michael Jacksons Klassiker "Off the Wall" und "Thriller" in die rechte Form brachte. An Bedeutung gewann der Berufsstand mit der technischen Revolution in der Musikindustrie: Songs werden meist nicht mühsam von Studiomusikern eingespielt, sondern am Computer zusammengebosselt. Popstars werden häufiger als früher in langwierigen Castings ausgesucht. Sie müssen jung sein, gut aussehen, tanzen können und am besten auch noch singen. Komponieren gehört nicht zwingend zum Job. So gelangte der Produzentenberuf in den vergangenen Jahren zu Ruhm, Respekt und Reichtum. Und weil Computer so aufgerüstet wurden, dass ein Power Mac für knapp 10 000 Mark fast ein professionelles Tonstudio ersetzt, eifern heute bereits viele aufstrebende Talente in ihren Jugendzimmern den Stars des Gewerbes nach. So ähnlich war es jedenfalls bei Jerkins. Der Sohn eines Pfarrers bekam als 13-Jähriger ein kleines Keyboard und einen Drumcomputer ­ und fing mit dem Soundbasteln an. Heute sammelt er Sportwagen, kassiert Millionengagen und sorgt schon mal dafür, dass sein Name gleichberechtigt neben dem der Künstler steht. Darüber, wie viel er für die Arbeit am Jackson-Album kassiert hat, wird reichlich spekuliert: Wahlweise ist von 100 000 Dollar pro Song plus Tantiemen die Rede oder von 5 Millionen Dollar Startgeld. Sicher ist, dass die Gage reicht, um die durchschnittliche McDonald's-Rechnung von 125 Dollar am Tag zu bezahlen ­ der, kein Wunder, übergewichtige Jerkins isst im Studio am liebsten Fast Food. An Selbstbewusstsein mangelt es Jerkins nicht. Zwar erklärt er, Michael Jackson sei "der großartigste Künstler, der je auf Erden wandelte". Aber er sagt auch: "Die Kids wissen, wer ich bin. Wenn sie meinen Namen auf einer Platte entdecken, werden sie ihr eine Chance geben."