Jay Jay Johanson: Kein skandinavischer Sinatra - DER SPIEGEL
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Jay Jay Johanson Kein skandinavischer Sinatra

Der vielleicht beste musikalische Musik-Export Schwedens sieht sich in seiner Heimat stets mit mildem Spott konfrontiert. Macht aber nichts, denn der Rest Europas weiß Jay Jay Johansons filigrane Popmusik und sein neues Album "Poison" gebührend zu würdigen.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn in Schweden jemand eine Platte von Jay Jay Johanson auflegt, so darf dem betreffenden Musikliebhaber fast schon ein abseitiger Geschmack unterstellt werden. "Bei mir daheim", so der blonde Nordländer, "kennen mich fast nur die Fans abstrakter Dance Music und ein paar DJs." Das ist im restlichen Europa, vor allem aber in Frankreich ganz anders. Dort gilt Jay Jay als Star, seitdem die Models der Pariser Modenschauen zu den introvertiert swingenden Popsongs seines ersten Albums "Tattoo" in Haute Couture über die Laufstege flanierten. "Und deshalb", grinst Johanson, "lebe ich auch so gern weiterhin in Schweden. Mich stört es nämlich kein bisschen, dort der ungehörte Rufer in der Wüste zu sein. Mir gefällt es ganz gut, noch einen Platz zu kennen, an dem ich behandelt werde wie der nette Junge von nebenan."

Was nur eine Hälfte der Wahrheit ist. Dass nämlich in seiner Heimat bis heute davon gemunkelt wird, der schüchterne Jay Jay wünsche sich nichts sehnlicher, als ein skandinavischer Frank Sinatra zu werden, das nervt den spindeldürren Musikanten zusehends. "Ich höre solche Blödheiten nirgends sonst in den 25 Ländern, die meine Platten veröffentlicht haben", erregt er sich dann, "und manchmal glaube ich, dass diese Leute sich nie wirklich eines meiner Alben angehört haben." Was wirklich schade wäre, denn von der Debut-EP "Whiskey", 1996 als bislang billigstes Produkt seiner Company für gerade einmal 8000 Mark auf den Markt gebracht, bis zum jüngsten Werk "Poison" hat Johanson sich keinerlei Schwächen schuldig gemacht.

Die wohl temperierte Melange aus Jazz, Bossa Nova und filigranem Pop, mehr gekrönt denn dekoriert von der ätherischen Stimme ihres Schöpfers, klingt allerdings mittlerweile nicht mehr gar so entrückt wie einst. "Damals habe ich mich ja noch in einer Hütte im Wald vergraben", erinnert sich Johanson, "um dann später möglichst alle Instrumente im Alleingang einzuspielen. Heute verspüre ich eine vitale Lust daran, mit meiner Band gemeinsam im Studio jeden Song notfalls stundenlang zu bearbeiten." Eine Therapie, die schöne Ergebnisse gezeitigt hat.

Zu dumm nur, dass Jay Jay Johanson demnächst vielleicht sogar daheim beim Brötchen holen auf der Straße erkannt wird. "Wenn man mich dann nicht wieder als Sinatra des Nordens beschimpft", lächelt er, "kann ich mit allem leben."