Jazz auf Vinyl: Knistern und Lauschen - DER SPIEGEL
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Jazz auf Vinyl: Die Wiederkehr der schwarzen Scheiben

Foto: Susanne Schapowalow/ jazzprezzo

Jazz auf Vinyl Knistern und Lauschen

Analog aufgenommen, analog gemischt, analog ausgeliefert: Auch im Jazz erleben Vinyl und Vintage-Aufnahmetechniken eine Renaissance. Sogar Archivschätze der Öffentlich-Rechtlichen kommen jetzt auf Schallplatte heraus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit dem Quintett des Star-Trompeters Dizzy Gillespie und der Combo des Saxofonisten Hans Koller gastierten 1953 zwei Spitzenbands aus Amerika und Europa im Studio des NWDR in Hamburg. Der Konzertmitschnitt von damals erscheint in der kommenden Woche auf dem Label Moosicus und eröffnet die "NDR 60 Years Jazz Edition" - eine Reihe, in der in den nächsten Monaten Aufnahmen mit dem Dave Brubeck Quartet, Stephane Grapelli und vielen anderen folgen.

Mit dieser Serie führt der NDR weiter, was der Kölner WDR 2010 begonnen hatte: Jazz-Juwelen aus dem Rundfunkarchiv kommen auf den Markt. So brachte der WDR zusammen mit dem Label Jazzline Aufnahmen von John Coltrane aus dem Studio in Düsseldorf und von Dave Brubeck in der Essener Grugahalle heraus. Und der Südwestrundfunk Stuttgart sichtet mit dem Label Arthaus Musik die rund 3500 Stunden Jazz im Radio- und TV-Archiv des ehemaligen Südwestfunks und produziert Novitäten wie "Gerry Mulligan live in der Liederhalle Stuttgart".

Es boomt im gesunden Nischenmarkt

Das Besondere: Die Aufnahmen aus den Archiven der Sender kommen nicht nur als CD auf den Markt, sondern auch als Langspielplatten. Denn der 1938 erfundene Tonträger aus dem Kunststoff Vinyl, erlebt im Zeitalter schrumpfender CD-Umsätze und wachsender Online-Downloads eine Renaissance. Auch Jazzfans reaktivieren ihren Plattenspieler und kaufen die im Pop längst rehabilitierten schwarzen Scheiben. Da spricht Universal-Chef Frank Briegmann vom "sehr gesunden Nischenmarkt Vinyl". Und Berlins KulturKaufhaus Dussmann schafft Platz für eine Vinyl-Abteilung.

Die Langspielplatte ist nicht nur bei historischen Produktionen wieder da. Auch Neuaufnahmen werden immer öfter als CD plus LP herausgebracht oder sogar ausschließlich auf Vinyl. So erschienen am Freitag bei den Labels Edel Content und ACT je drei Vinyl-Produktionen, darunter das Album "Searching for Jupiter" des ehemaligen e.s.t.-Drummers Magnus Öström. Die Edition Longplay, die Langspielplatten in Verbindung mit zeitgenössischer Kunst anbietet, veröffentlichte am gleichen Tag eine LP des Rainer Böhm Quartets mit einem Bild der abstrakten Leipziger Malerin Julia Schmidt.

Berauschen am Knistern der LP

Cover-Kunst, die in Vinyl-Zeiten auch von Stars wie Andy Warhol geschaffen wurde, ist eine der Attraktionen für die LP-Gemeinde. Zur originell gestalteten Hülle kommt das haptische Erlebnis: Die Platte wird vorsichtig aus der Verpackung geholt, mit einem Spezialtuch gereinigt und behutsam auf den Plattenteller gelegt. Dem Ritual folgt das Hörerlebnis. Die LP erfasst ein größeres Spektrum von Höhen- und Tiefenfrequenzen als CDs. Das unvermeidliche leichte Knistern des Tonträgers wird in Kauf genommen; echte Vinyl-Freaks berauschen sich sogar daran. Für eine Doppel-LP geben sie über 40 Euro aus.

So viel kostet Inga Rumpfs ausschließlich auf Vinyl erschienenes Album "White Horses". Die Gitarre spielende Sängerin ließ sich im Studio nur von Piano und Kontrabass begleiten und zog ihren Auftritt wie ein Konzert im Club als "First Take" durch. Das Album gehört zu einer Reihe, die Edel-Content herausbringt, "um den Klangbedürfnissen von Fans audiophilen Vinyls gerecht zu werden". In der "Triple A Series" - AAA steht für "Alles-Ausschließlich-Analog" oder "Admiring Analogue Artistry" - werden Langspielplatten rein akustisch, absolut unplugged und total analog aufgenommen.

Etwas Besonderes bietet auch die "NDR 60 Years Jazz Edition". Ihren Machern stehen außer dem Tonmaterial aus den Archiven auch die Fotos von Susanne Schapowalow zur Verfügung. Die 91-Jährige war in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wie kein anderer Fotograf in der Szene beliebt und vernetzt. "Das Hamburger Auge des Jazz" nannte das lokale Abendblatt die ungewöhnliche Frau. Schapowalows Schwarz-Weiß-Bilder (die zum Teil schon im 2011 erschienenen Band "Sophotocated Lady" wieder veröffentlicht wurden) bilden die ideale Illustration zum Jazz von damals.


Aktuelle Neuerscheinungen auf Vinyl (Auswahl)

Inga Rumpf: White Horses, Edel Content, 41,97 Euro
Magnus Öström: Searching For Jupiter, ACT, 21,99 Euro
Rainer Böhm Quartet: Familia, Edition Longplay, 27,99 Euro
Dizzy Gillespie Quintet/ Hans Koller New Jazz Stars: NDR 60 Years Jazz Edition, Moosicus/NDR, ab 6. 9.
The Modern Jazz Quartet: Germany 1956-1958 The Lost Tapes, Art Haus/SWR, ab 9. 9., 26,99 Euro