Jazz: Brad Mehldaus andere Saiten - DER SPIEGEL
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Jazz Brad Mehldaus andere Saiten

Er war schon immer ein wenig bizarrer als die Kollegen: Der amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau präsentiert sich auf seinem neuen Album als stilistische Sphinx, geheimnisvoll und unberechenbar. Erst klingt es nach Lied und Folk, dann zerrupft er fast die Klaviersaiten. Aber keine Sorge: Er will nur spielen.
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Brad Mehldau liebt eigentlich das Intime. Wer seit 1997 immerhin schon fünf Alben vorlegte, die sich getreu dem Titel mit "The Art Of The Trio" beschäftigen, der spürt mit Vorliebe in klassischer Klavier/Bass/Schlagzeug-Besetzung feinsten Wirkungen nach, legt Wert auf engste Interaktionen mit seinen Mitspielern, verlangt auch von seinen Zuhörern Konzentration und musikalische Reiselust. Das neue Album "Largo" nun (benannt nach einem Club in Los Angeles) geht entschieden neue Wege, weg von dezent-distanzierten Kammermusik-Sound, hin zu Wagnis, Überraschung und oft auch schlichterer Pop-Melodik. Ein Künstler bricht aus seinem vermeintlichen Käfig aus - und das klingt interessant, aber manchmal auch seltsam komisch.

Zwischen Beethoven und John Coltrane


Der schon während seiner High-School-Zeit mit einem Preis des renommierten Berklee Colleges dekorierte Mehldau sah sich immer als forschender Intellektuelle, nie als naiv-genialer Swing-Virtuose. Er stellt seinen CDs Zitate von Rainer Maria Rilke und Thomas Mann voran, bezieht sich in seinen oft ausführlichen Liner Notes auf Ludwig van Beethoven und Saxophon-Innovator John Coltrane gleichermaßen und ist doch der amerikanischen Jazztradition verpflichtet. Die immerwährenden Vergleiche mit dem Piano-Giganten Bill Evans stören ihn zwar nicht wirklich, doch eigentlich sieht er sich eher mit dem intellektuellen Avantgarde-Veteranen und kühnen Improvisator Paul Bley verwandt oder mit dem Genie zwischen Bop und Cool, Lennie Tristano. Das alles steht für Brad Mehldau jetzt anscheinend auf dem Prüfstand: "Largo" lässt ab von der Strenge.

Real Player - Hörprobe Brad Mehldau: "When It Rains" 
Real Player - Hörprobe Brad Mehldau: "Dropjes" 
Real Player - Hörprobe Brad Mehldau: "Paranoid Android" 
Real Player - Hörprobe Brad Mehldau: "Dear Prudence" 
Real Player - Hörprobe Brad Mehldau: "Free Willy" 


Erste Verwunderung: die vielen Musiker. Nicht nur, dass der erfahrene und vielseitige Rockdrummer Jim Keltner bei einigen Stücken seinen kräftigen Backbeat und die berühmten fliegenden Besen beisteuert, es kommen Bläser, Vibraphon, verfremdete Gitarre und allerlei Klaviermanipulationen hinzu. Es hat etwas, Mehldaus neues Ding, auch wenn es nicht immer swingt. Für stille Grüße von früher sorgen der angestammte Bassist Larry Grenadier und Mehldaus langjähriger Drummer Jorge Rossy, die zwar in den Hintergrund, gottlob aber nicht in die Verbannung geschickt wurden. Sie wollten dem Meister und Freund wohl in der smarten Kälte von "Largo" beistehen, um einen Abflug in Richtung des spröden Euro-Jazz der Marke ECM zu verhindern.

Piano-Percussion und zerklüftete Klangwelten


Doch zunächst sitzt man wie im Salon: Beim ersten Stück "When It Rains" meint man, dem guten alten Klassiker "Danny Boy" zu begegnen, anschließend scheint deutsches Liedgut à la "Der Mond ist aufgegangen" Pate gestanden zu haben. Doch die im vielleicht originellsten Stück aufschlagenden "Dropjes" wechselbaden den Hörer schnell und nachhaltig mit kühlen Temperaturen und elektronischen Tricks, die aus dem Piano das perkussive Element herauskitzeln. Souverän und inspiriert auch die eigenwillige Version von Radioheads "Paranoid Android". Von Lennon/McCartney hat sich Brad Mehldau das entspannte "Dear Prudence" ausgeliehen, das - wir sind wieder intim - wie ein archetypisches Mehldau-Stück klingt, verhalten, ausbalanciert, schwebend und dennoch völlig unter Kontrolle. Ganz so, wie er schon einmal McCartneys "Blackbird" fliegen ließ.

Dennoch bleibt ein unüberbrückter Widerspruch zwischen dem elegant relaxten Ur-Mehldau und dem forcierten Experiment, als wollte es der geniale, aber störrische Pianist seinem künstlerischen Avantgarde-Regisseur zeigen. Dieser Regisseur ist der Produzent Jon Brion, selbst Musiker ("Magnolia"-Soundtrack) und in den USA von Kollegen wie Beck sehr geschätzt. Freitags kann man Brion oft im "Largo"-Club hören - man kennt sich wohl daher.

Brion selbst steuerte eine Menge der elektronischen Einfälle auf "Largo" bei, er bediente den Gitarren-Synthesizer, entwickelt verfremdete Piano-Percussion-Effekte und mehr. Er erfand also en passant den neuen Brad Mehldau gleich mit. Das klingt schlimmer, als es ist: Wer sich durch die zerklüfteten Klangwelten von Stücken wie "Free Willy" gepflügt hat, ist doch immer noch eindeutig an der Hand von Brad Mehldau gewandelt. Und so interessant dieses "Largo"-Land auch ist: Vom 1. bis 6. Oktober spielt der experimentierfreudige Pianist wieder im New Yorker Traditionsclub "Village Vanguard" - die Kunst des Trios lebt also weiter.

Das Album "Largo" (Wea/Warner Bros.) wurde am 12. August 2002 veröffentlicht


Brad Mehldau - offizielle deutsche Website