Jazz hinter dem Eisernen Vorhang Effektiver als B-52-Bomber
In der Zeit des Kalten Krieges galt der Jazz als Wunderwaffe im Wettkampf der Systeme um die Sympathien der Menschen. 30 Millionen im Ostblock hörten die Jazzsendungen der "Stimme Amerikas"; ihr Moderator, Willis Connover, erschien der "New York Times" "effektiver als eine Flotte von B-52-Bombern". Jazz faszinierte Massen wie heute die Popmusik. Was viele Jugendliche liebten, hassten die kommunistischen Regierungen. Von der Elbe bis nach Wladiwostok wetterten Funktionäre gegen die "dekadente Musik der US-Imperialisten"; Konzerte wurden verboten, Jazzfans und -Musiker riskierten Repressalien. Doch rechtfertigt das, den Jazz als Hort des Widerstandes einzuordnen?
"Formen offenen politischen Protests sucht man in der Jazz-Szene hinter dem Eisernen Vorhang vergeblich", schreibt Gertrud Pickhan, Professorin am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. "Kein Jazz-Musiker des Ostblocks rief jemals zum Umsturz auf"; in ihren Erinnerungen würden Insider "vor allem Begegnungen mit Musikern und Konzerte" schildern, "und es scheint, als ob sich das alles in einem politikfreien Raum abgespielt hätte". Die Historikerin fragt, "ob man überhaupt von einer politischen, gesellschaftlichen Rolle des Jazz im Ostblock sprechen kann, wenn es den Musikern tatsächlich nur um die Musik ging".
Antworten sucht das Forschungsprojekt "Jazz im Ostblock Widerständigkeit durch Kulturtransfer", das die Volkswagen-Stiftung mit 350 000 Euro unterstützt. Unter der Leitung von Pickhan analysieren Wissenschaftler der FU zusammen mit Kollegen aus ehemaligen Ostblockstaaten die Wirkung des Jazz im Staatssozialismus von 1945 bis zum Zusammenbruch der Regime in Polen, der CSSR, in Ungarn und der DDR. Historiker, Soziologen und Musikwissenschaftler untersuchen die Musiker, ihr Publikum und die Einstellung der Behörden, die in den verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten zwischen Verbot, Duldung und sogar Propagierung wechselte schließlich war der Jazz gleichermaßen die Musik des verhassten kapitalistischen Amerika wie auch dessen unterdrückter schwarzer Unterschicht. Beispiele für den Zickzackkurs: In der UdSSR wurden einmal alle Armee-Einheiten aufgefordert, Jazzbands zu bilden (die Anweisung wurde nie umgesetzt); dann wurden Saxofone als imperialistische Instrumente verboten. In Ungarn durften Kontrabassisten zeitweilig ihr Instrument nur streichen, rhythmisches Zupfen wurde bestraft.
Solche Details erfuhren die am Projekt Beteiligten Ende September bei einer Konferenz in Warschau, auf der sie sich mit Forschern und Zeitzeugen aus den ehemaligen Ostblockstaaten und den USA trafen. Die meisten der Referate und Diskussionen kamen zu dem Fazit: Obwohl die Jazzszene nicht Teil einer gezielten politischen Opposition war, galt sie als Sammelbecken von jungen Menschen, die sich dem staatlich regulierten Kulturleben mit Aufbauhymnen, Stalin-Liedern und lahmer Tanzmusik entziehen wollten. Statt in der großen Sowjet-Union suchten sie sich Vorbilder in den USA. Sie kleideten sich westlich (Kreppschuhe, Ringelsocken), ließen sich westliche Frisuren scheren (Bürstenhaarschnitt), waren stolz darauf, als "Stiljagi" (in der UdSSR) oder "Halbstarke" (in der DDR) aufzufallen. Freilich richtete sich dieses Aufbegehren oft gleichermaßen gegen die Eltern wie die staatlichen Autoritäten, die stets versuchten, diese Subkultur zu unterdrücken: keine Jazzclubs außerhalb der staatlichen Jugendorganisation, nur angemeldete Konzerte, keine Publikationen.
Nur in Polen reagierten die Behörden anders. So durfte in Warschau ab 1956 die Zeitschrift "Jazz" herausgegeben werden, aus der zehn Jahre später das bis heute erscheinende "Jazz Forum" hervorging. In den siebziger Jahren veröffentlichte das "Jazz Forum" neben seiner polnischen, eine englische und 1980/81 eine deutsche Ausgabe. Deren Redakteur, Bert Noglik aus Leipzig, wurde in diesem September mit dem Silbernen Verdienstorden der Republik Polen geehrt. Warschaus relative Toleranz gegenüber dem Jazz ermöglichte Musikern wie dem 1969 verstorbenen Pianisten und Komponisten Krzysztof Komeda und dem Trompeter Tomasz Stanko Reisen in den Westen, als das kapitalistische Ausland für andere Ost-Künstler noch tabu war. Polnischer Jazz gewann damals "Weltniveau" und hält es bis heute: Ein Album des jungen Pianisten Marcin Wasilewski gehört zu den eindrucksvollsten des Jahres 2008.
Der 1942 geborene Trompeter Stanko hat einmal gesagt, dass der Jazz die Welt nicht verändern kann, wohl aber die Demokratie. Hat denn der Jazz im Ostblock wenigstens zur Entwicklung der Demokratie beigetragen? Eine Antwort mag uns das Forschungsprojekt der Berliner Freien Universität geben, wenn es Anfang 2010 eine "theoretisch und empirisch abgesicherte These zur gesellschaftlichen Wirkung des Jazz im Staatssozialismus" vorlegt.
CD Marcin Wasilewski Trio: "January" (ECM).