Jazz Keith Jarrett probt die Revolution
Frankfurt/Main - Der Pianist Keith Jarrett will mit zwei neuen Einspielungen den Jazz revolutionieren. Durch seine schwere Krankheit habe sich sein Spiel völlig verändert, sagte der US-Musiker, der mit seinem 3,5 Millionen Mal verkauften "Köln Concert" die meisterverkaufte Soloplatte des Jazz herausbrachte, in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). "Ich garantiere Ihnen, es vergeht kein Jahr, und es wird sich etwas Neues im Jazz ereignen, etwas, woran bisher noch kein Musiker gedacht hat."
Jarrett litt seit Mitte der 90er Jahre an chronischer Erschöpfung, die ihn völlig bewegungslos machte. "In der Zeit fiel mir selbst das Umblättern einer Buchseite unendlich schwer", berichtet der Musiker. Nach seiner Genesung musste er "praktisch wieder vom Nullpunkt mit dem Klavierspielen beginnen". Dabei seien eingeschliffene Spielmuster verschwunden: "Meine Finger mussten sich wieder ein neues Gedächtnis zulegen."
Obwohl das Erschöpfungssyndrom überwunden scheint, leidet Jarrett weiter unter Schmerzen in der Bandscheibe und in der Schulter, "und mit jedem Konzert wird es schlimmer". Seit er vor drei Jahren wieder mit dem Spielen begonnen hat, gehe er in jedes Konzert in dem Bewusstsein, es könnte sein letztes sein. "Man spielt anders mit diesem Wissen", berichtet er. "Unter diesen Voraussetzungen muss einfach etwas Neues entstehen."
Dieses "Neue" liegt angeblich bereits in der Schublade: die Aufnahmen "Inside Out" und "Tokyo Tapes", die Jarrett am Klavier mit Bass und Schlagzeug aufnahm. Solokonzerte will er nicht wieder geben. Auch seine alten Aufnahmen gefallen ihm heute nicht mehr: "Ich merke, dass ich keine Pause machen konnte. Ich musste immer spielen. Ich habe einfach nicht daran gedacht, dass man auch einfach still sein kann." Als er während seiner Krankheit seine alten Platten hörte, habe er gedacht: "Wenn das mein Beitrag zur Geschichte des Jazz ist, dann ist es nicht genug."