Jazz-Messe: Vom Tuten und Blasen
Jazz-Messe Vom Tuten und Blasen
Es bedurfte schon einer Portion Chuzpe, für eine Branche in Krisenzeiten ein völlig neues Ereignis zu erfinden. Unbeirrt vom verschwindend kleinen Anteil des Jazz am Tonträgergeschäft organisierten der Messe-Manager Hans Peter Schneider und der Musikprofessor Ulrich Beckerhoff im Frühjahr 2006 in Bremen eine Mischung aus Jahrmarkt, Konferenz und Festival. Kühn nannten sie ihr Ereignis Jazzahead, was man (als Aufruf) mit "Jazz voran" oder (als Feststellung) mit "Jazz in Führung" übersetzen kann - ziemlich hochstaplerische Aussagen angesichts der Überalterung der meisten Jazzfans. Doch erstaunlicherweise funktionierte das Wagnis. In der kommenden Woche findet Jazzahead zum fünften Mal statt.
Parade der jungen Spitzenjazzer
Im Congress Centrum am Bremer Hauptbahnhof werden mehr als 250 Aussteller - mehr als je zuvor - ihre Stände aufbauen: Plattenfirmen, Konzertagenturen, Verlage, Musikschulen und Instrumentenbauer aus ganz Europa nutzen Jazzahead als Branchentreff. Denn die Bremer Messe hat ihr Repertoire erweitert: Nach Hobbygärtnern und Oldtimerliebhabern haben nun auch Jazzexperten die Hansestadt in ihren Terminkalendern. Dem Fachpublikum stellen sich beim German Jazz Meeting im Rahmen von Jazzahead zwölf junge Bands vor, darunter die Trios des Pianisten Pablo Held und der Saxofonistin Silke Eberhard sowie das Andromeda Mega Express Orchestra aus Berlin. Aus aller Welt angereiste Veranstalter und Kulturmanager erleben diese Parade deutscher Spitzenjazzer - und die Deutschen erhoffen Einladungen zu Festivals und Tourneen ins Ausland. Von dort angereiste Bands sind beim sogenannten European Showcase und in der Overseas Night (mit Gruppen aus Kanada, Malaysia und Korea) zu erleben. Den mit 15.000 Euro dotierten Jazz Award bei Jazzahead erhält in diesem Jahr die Gitarrenlegende John McLaughlin.
Ins Sommerlager zu Ron Carter
Den Jazz-Preis sponsort der Autohersteller Skoda; auch die Bundeskulturstiftung und das Goethe-Institut unterstützen Jazzahead. Kein Wunder, dass da in anderen Städten gefragt wird, ob man nicht auch auf die Idee der Bremer hätte kommen können. So erwähnt die Hamburger SPD-Opposition in einer Anfrage an den Senat über "die Situation der Jazzmusik in Hamburg" ausdrücklich Jazzahead und das dazu gehörende German Jazz Meeting. Klar, dass es in Deutschland nur einen solchen Branchentreff mit Künstlerbörse und Exportförderungsschau geben kann. Und da hatte Bremen die Nase vorn.
Den Erfolg von Jazzahead sieht sein künstlerischer Leiter, der als Trompeter und Pädagoge erfahrene Profi Beckerhoff, als Beweis dafür, dass der Jazz lebt. Man müsse nur mehr Jugendliche an diese Musik heranführen. Deshalb gehören Veranstaltungen mit HipHoppern zum Programm. Die Jazzszene müsse jünger werden. Als positives Zeichen für die Lage der Minderheitenmusik kann man auch einen Trend in den Vereinigten Staaten werten. Laut Jazz-Magazin "Down Beat" bieten in diesem Jahr wieder Dutzende von Sommerlagern Kurse für junge Musiker an. Ein Jazz Camp Guide in der März-Ausgabe listet 54 Camps auf; hinzu kommen 30 teilweise ganzseitige Anzeigen mit Werbung für solche Workshops. Unter den Lektoren finden sich Veteranen wie Benny Golson und Ron Carter, aber auch jüngere Stars wie John Medeski und Danilo Perez.
Vielleicht ist Jazzahead mehr als nur ein Motto für eine Messe in Bremen.
Messe Jazzahead! 22. bis 25. April in Bremen , Tel. 0421/35 05-298.
CDs von Musikern bei Jazzahead:
Silke Eberhard Trio: "Being" (Jazzwerkstatt);
Pablo Held Trio: "Music" (Pirouet);
Andromeda Mega Express Orchestra:
"Take Off" (Indigo).