Jazzgesang: Von Croonern und YouTube-Jazzern
Jazzgesang Von Croonern und YouTube-Jazzern
Wie kann sich ein Künstler mit Ende zwanzig an einem Gesangsstil orientieren, der vor fast hundert Jahren mit der Einführung des Mikrofons entstand? Die technische Neuheit ermöglichte den entspannten Vortrag von gefühlvollen Songs, das Crooning. Das beherrscht Alexander Stewart aus Manchester. Nach Robbie Williams und Jamie Cullum gehört er zu jenen jungen Briten, die im digitalen Zeitalter handgemachte Musik und Stimmen wie die von Frank Sinatra lieben.
Stewart ist mit kleinen Ensembles in Jazzklubs aufgetreten. Jetzt hat er seinen Traum verwirklicht und eine CD mit Bigband und Streichern eingespielt. "Kein verpoppter Jazz, sondern eher verjazzter Pop", urteilt das Magazin "Jazzthetik" über Stewarts Album "I Thought about You". Der Engländer improvisiert über Jazzstandards, bedient sich aber auch bei Dusty Springfield und Stevie Wonder. Crooner wie Stewart halten eine Musikform am Leben, die Entertainment mit Jazz verbindet.
Völlig neu ist dagegen, was Stewarts Landsmann Jacob Collier bietet. Der 22-jährige Londoner spielt etliche Tasteninstrumente, Schlagzeug, E- und Kontrabass, Gitarre, Ukulele, Melodica und vor allem singt er - am liebsten mehrstimmig à la The Manhattan Transfer. Das Irre an Colliers Musik: Er produziert sie allein in seinem Zimmer. Sein Debütalbum nannte er deshalb "In My Room". Wie er dort die einzelnen Instrumente und Stimmen aufnahm und zum Harmoniegesang und Orchesterklang kombinierte, konnten Millionen auf YouTube sehen. Derzeit bastelt der Überflieger an der Live-Umsetzung seiner One-Man-Show. Musikimpressario Quincy Jones ist von Colliers Talent hingerissen. Doch das digitale Wunderwerk des Briten wirft auch Fragen auf: Musik im Alleingang ohne Interplay - das ist sicher eine dem Jazz fremde Vorstellung.
Rising Star mit 59 Jahren
Die Errungenschaften der Technik nutzt auch der in Kairo geborene Palästinenser Tamer Abu Ghazaleh. Aber elektronische Effekte und die westlichen Instrumente Keyboard, Bass und Schlagzeug überdecken nicht den orientalischen Grundton von Ghazalehs Kompositionen. Er selbst singt und begleitet sich auf der Oud. Seine Texte "voller beißender Satire und soziopolitischer Kommentare", so das Infomaterial zur Platte, entgehen Hörern, die kein Arabisch verstehen. Wenn man dennoch gebannt zuhört, spricht das für die Intensität von Ghazalehs Musik.
An Ray Charles und Nat King Cole erinnert der New Yorker Sänger, Songschreiber und Gitarrist Allan Harris. Denn er überzeugt mit draufgängerischen Soul-Titeln genauso wie mit sentimentalen Balladen. Solche Stücke und einen Bossa-Nova-Ohrwurm enthält Harris' CD "Nobody's Gonna Love You Better". Obwohl er schon zehn Alben veröffentlicht hat und 2015 im Kritiker-Poll von "Downbeat" als "Rising Star Male Vocalist" ausgezeichnet wurde, ist der 60-Jährige bislang in Deutschland kaum bekannt. Das sollte sich jetzt ändern.
Vom "Jimi Hendrix des Flügels" zum Singer-Songwriter
Für Deutschlands Jazzgemeinde ist der Pianist Jens Thomas ein verlorener Sohn. Nach seinem Studium bei Dieter Glawischnig in Hamburg gewann der gebürtige Braunschweiger, Jahrgang 1970, etliche Jazzpreise. Thomas hat mit Albert Mangelsdorff und Paolo Fresu gespielt. Die "Süddeutsche Zeitung" nannte ihn den "Jimi Hendrix des Flügels". Doch offenbar wurde dem ruhelosen Künstler die Welt des Jazzpianos zu eng. Thomas betätigte sich immer mehr als Stimmperformer und Komponist. Er arbeitete mit einem Bergmannschor, stand bei Inszenierungen des Theaterregisseurs Luk Perceval als Pianist und Sänger auf der Bühne. Zuletzt improvisierte Thomas Soundtracks bei Lesungen des Schauspielers Matthias Brandt.
Gleichzeitig mit dessen Buch "Raumpatrouille" ist jetzt Thomas' Album "Memory Boy" erschienen. Die Freunde Brandt und Thomas erzählen Kindheitserinnerungen - der Mime als Autor, der Musiker als Singer-Songwriter. Seine Texte schrieb Thomas auf Englisch, seinen Gesang begleitet er auf etlichen akustischen und elektronischen Instrumenten. In zwei seiner zwölf Lieder ist Matthias Brandts Stimme zu hören. "Die Geschichten seines Buches waren für mich der Auslöser, die Songs des Memory Boy zu schreiben", bekennt Thomas im Plattencover. Es sind schöne Kompositionen - ohne Anklänge an die Jazzvergangenheit.
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Alexander Stewart : "I Thought about You" (Herzog Records)
Jacob Collier : "In My Room" (Membran)
Tamer Abu Ghazaleh : "Thulth" (Mostakell)
Allan Harris : "Nobody's Gonna Love You Better" (Love Productions Records)
Jens Thomas : "Memory Boy" (Roofrecords)