Plattenläden: Die letzten ihrer Art
Jazz-Plattenhandel Relikt am Rathaus-Eck
George Duke hält den Shop für den besten der Welt. "Ich kenne bestenfalls noch einen Laden in Tokio, der ein ähnliches Angebot hat", sagt der Jazz-Star, "ich bezweifle aber, dass er so detailliert sortiert ist." Der Journalist Ssirus Pakzad hatte den in München gastierenden amerikanischen Keyboarder, Sänger und Produzenten ins Kaufhaus Ludwig Beck am Rathaus-Eck mitgenommen und zeigte ihm die Jazz-Abteilung im fünften Stock. Duke war schwer beeindruckt. So ein Riesenangebot, vortrefflich geordnet, und Fachverkäufer, die ihr Metier beherrschen - in Amerika gibt es das schon lange nicht mehr. Platten-Paradiese sterben aus. In London verschwanden "Tower Records" und "Virgin"; und in Deutschland kann da nur die Jazz-Sektion von in Berlin mit den Münchnern mithalten. So konnte kaum überraschen, dass Ludwig Beck beim Jazz-Echo 2010 als "Händler des Jahres" geehrt wurde.
Wie aber verkauft man Tonträger in einer Zeit, in der sich die Leute ihre CDs legal oder illegal via Internet beschaffen? In der immer mehr Musiker auf einer eigenen Website ihre Aufnahmen anbieten und ihre CDs, Downloads und Auftritte selbst vermarkten? Wie überlebt ein Geschäft in einer Zeit, in der immer mehr Fans nicht mehr in Regalen im Plattenladen nach Neuerscheinungen stöbern, sondern auf Campingtischen bei Konzerten und auf Festivals?
Ein Anachronismus, der sich rechnet
Antworten weiß der im Kaufhaus für Jazz und Klassik verantwortliche Thiemo Brüll, 51: Auch im Zeitalter der digitalen Vertriebswege gebe es noch den Musikfreund, der Tonträger in einer grafisch gestalteten Hülle schätzt, der Booklets mit intelligenten Liner Notes erwartet, der sich gerne in ruhiger Umgebung mit Kennern der Materie unterhält, auch über Vinyl-Wiederveröffentlichungen, über neue CD-Boxen und Bücher. Das alles findet er in dem Münchner Laden. Allen Negativtrends zum Trotz behauptet das Geschäft: "jazz is beck". Allein von 2008 auf 2009 stiegen die Umsätze um zwei Prozent. Das liegt auch daran, dass Beck im eigenen Haus kleine Konzerte, "Showcases" genannt, veranstaltet und die Mitarbeiter enge Kontakte zu den Medien pflegen; Neuerscheinungen liegen also nicht nur aus, sondern werden kompetent kommentiert.
Die Jazz-Spezialisten bei Beck wissen allerdings, dass ihre seit mehr als 20 Jahren existierende Abteilung von der Anbindung an das vor 150 Jahren gegründete Traditions-Kaufhaus profitiert. Besucher Duke aus Amerika dürften derlei betriebswirtschaftliche Feinheiten allerdings ziemlich egal sein: "Ich hoffe, dass es so etwas wie diesen Laden immer geben wird", sagte der Musiker beim Abschied, "auch wenn mancher eine solche Jazz-Abteilung für einen Anachronismus halten mag."