Jazz-Tipp: Pilot in dunkle Ecken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Jazz-Tipp Pilot in dunkle Ecken

Engagement und Virtuosität, Reflexion und Impulsivität: Der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim gastiert bei den Leipziger Jazztagen. Zu dem Star kommen junge Löwen vom Kap, die bislang in Europa unbekannt sind.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war in der gerade gegründeten Afrika-Redaktion der Deutschen Welle in Köln in den sechziger Jahren, als mich ein Kollege mit einem Tonband aus Kapstadt überraschte. In einer Bar für "Non-Whites" hatte er einen Pianisten aufgenommen, dessen Musik sich so leicht einprägte wie sein Name: Dollar Brand spielte zwar Jazz, aber gleichzeitig wurde man an die Kwela-Klänge der Townships erinnert, wenn man seinen trancehaften Melodien und rollenden Rhythmen lauschte.

Ein paar Jahre später feierten Kritiker den Mann aus Kapstadt als ersten Musiker, der auf dem Klavier eine eigenständige afrikanische Jazzsprache gefunden hat. Dollar Brand hieß nun Abdullah Ibrahim, er war zum Islam übergetreten.

Statt im Apartheidsstaat am Kap lebte er in Europa und Amerika. Dort traf er die ins Exil vertriebene Elite der südafrikanischen Musikszene wieder: die Sängerin Miriam Makeba, den Trompeter Hugh Masekela, den Saxofonisten Dudu Pukwana, den weißen Pianisten Chris McGregor. Fern ihrer Heimat bereicherten diese Künstler den Jazz und Pop mit afrikanischen Elementen. Zudem unterstützten sie – etwa bei "Free-Mandela-Konzerten" – die Befreiungsbewegung in ihrem Land.

Dorthin zurückkehren konnten sie erst in den neunziger Jahren nach dem Zusammenbruch des Apartheids-Regimes. Die neue Regierung ehrte die prominenten Heimkehrer. Abdullah Ibrahim spielte zu Nelson Mandelas Amtseinführung. Doch nicht alle Träume der in die Jahre gekommenen Jazzer erfüllten sich. Es gibt in Südafrika nicht genug gut bezahlte Auftrittsmöglichkeiten; mit den Veteranen konkurriert eine neue Generation von Musikern.

Diese fast unbemerkt von der internationalen Szene herangereiften jungen Löwen vom Kap sind Gäste der 31. Leipziger Jazztage  vom 3. bis 6. Oktober. So wird dort ein südafrikanisches All Star Sextet um den Saxofonisten McCoy Mrubata und den Pianisten Paul Hanmer auftreten. Mit ihrer eigenen Band kommt die blutjunge Saxofonistin Shannon Mowday.

Die Generation der Altvorderen aber wird durch Abdullah Ibrahim vertreten. Der inzwischen 73-Jährige schafft es immer noch, im Alleingang ganze Konzertsäle in seinen Bann zu ziehen. "Ich bin ein Pilot", sagt er, "ich führe meine Passagiere in die dunklen Ecken ihrer Seele, dorthin wo sie sich normalerweise nicht hinwagen."


CD Abdullah Ibrahim: "re:Brahim" (Enja)