Jazztrios: Cool bleiben in der Krise - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Jazztrios Cool bleiben in der Krise

Von Oscar Peterson über Bill Evans zu Brad Mehldau: Fast alle großen Jazzpianisten fanden im Trio zu ihrer Bestform. Auch europäische Tastenkünstler greifen derzeit gern auf klassische Werte zurück. 2009 gewinnen deshalb die flotten Piano-Dreier.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kein Instrument war letztes Jahr im europäischen Jazz angesagter als das Piano. Mit der schwedischen Formation E.S.T. fing zwar nicht alles an, aber es wurde manches besser: Das Trio des Klaviervirtuosen Esbjörn Svensson schaffte es mit kühl virtuosen Melodien und originellem Sound bis in die Popcharts und trat so den Beweis an, dass Jazz populär und innovativ sein konnte.



Seit den frühen Tagen des Labels ECM mit seinen genialen Nordlichtern Terje Rypdal oder Jan Garbarek strahlte der unterkühlt schlanke Ikea-Jazz Skandinaviens erfolgreich bis in die USA. Der unerwartete Unfalltod des Protagonisten Esbjörn Svensson im Juni 2008 schockte Fans und Szene - doch es gibt Nachwuchs.

Neben E.S.T. hat sich auf dem Kontinent eine kreative Phalanx von Jazztrios etabliert, für die der Svensson-Erfolg den Boden bereitet hatte. Überhaupt ist der aktuelle Pianojazz eine Sache der Fortschreibung von klassischen Werten: In Krisenzeiten zählt eben das Bewährte doppelt. Besonnen geht's gegen die Krise, Avantgarde scheint out zu sein. Drei Beispiele für die jazzigen Bundesschatzbriefe des Jazz, die 2009 solide punkten werden.

Martin Tingvall kommt mit seinem Trio dem E.S.T.-Flair am nächsten: 2003 gründete der schwedische Pianist seine Combo und vergrößert seitdem beharrlich den Fankreis. Leicht nachvollziehbar, denn der Tingvall-Jazz bereitet dem Hörer keine Probleme: Ein wenig schlichter, sinnlicher und stellenweise poppiger als das Svensson-Vorbild kommt Tingvall daher, aber vor allem live überzeugt der rhythmische Drive und die federnde Textur der Kompositionen.


Tingvall füllt inzwischen lässig Tausender-Hallen wie die Hamburger Kampnagel-Fabrik, und wer das Trio mal live erlebt hat, kennt den urwüchsigen Drive, der trotz aller Nordsprödigkeit klassische Tugenden aufweist. Auf dem jüngsten Album "Norr" (Skip Records) wie auch im Studio überzeugen das dynamische Schlagzeug (Jürgen Spiegel), geschmeidiger Bass (Omar Rodriguez Calvo) und klare, fast gesangliche Linien auf dem Flügel. Das erfreut Oscar-Peterson-Anhänger ebenso wie alle, denen Keith Jarrett auf seine alten Tage zu heilig und selbstgefällig geworden ist.

Wenn sich die rockigen Drums von Jürgen Spiegel und das karibische Bassfeeling des Kubaners Calvo befeuernd reiben, legt sich diese Spannung wie eine Stromleitung unter die Pianokaskaden des Triochefs. Dreiermusik, kein Solist mit Begleitung, altmodische Spielfreude und kommerziell im besten Sinn.

Im Stillen brillieren

Wer's intimer und distinguierter mag, muss sich in den stillen Kosmos der Julia Hülsmann zurückziehen. Die Pianistin, Jahrgang 1968, pflegt mit ihrem Trio die kultivierte Tradition, die man gerade mit dem Münchner ECM-Label assoziiert, für das sie derzeit aufnimmt. Logisch, dass der Labelchef und Mastermind Manfred Eicher ihr jüngstes Album "End Of A Summer" selbst produziert hat.

Das klingt so entrückt typisch, wie die gepflegt künstlerischen und homogenen Werke aus der Münchner Jazz-Manufaktur seit jeher den Ohren schmeicheln - und Julia Hülsmann gehört zu den stilsicheren, geschmackvollsten Interpreten der neueren Generation, die würdig das Erbe von ECM-Granden wie Chick Corea, Bobo Stenson oder Paul Bley verwalten.

Leise, zwischen klassischem Impressionismus und coolen Zitaten aus den fünfziger Jahren, spinnt Julia Hülsmann ihre Melodiefäden als starkes, vibrierendes Netz. Ihr sparsames, ökonomisches Spiel erinnert streckenweise an Thelonious Monk - und klingt doch völlig eigenständig. Auch Popsongs wie "Kiss From A Rose" von Seal veredelt sie mit uneitler, kühler Finesse. Über den Tellerrand sehen kann sie ebenso neugierig: Die in Berlin klassisch ausgebildete Musikerin hat auch für Streichorchester komponiert und lehrt inzwischen selbst.

Huld ohne Reue

Seinen zehnten Geburtstag feierte das Frankfurt Jazz Trio 2008, und auf dem schlicht "No.3" betiteltem Album wird diese Kontinuität mit beinahe demütigem Understatement dargestellt: Wer seine aktuelle Kollektion mit Earl Hines' "Rosetta" beginnt, stellt keine Helden in Frage. Die Frankfurter huldigen eher - das aber kompetent und einfallsreich.

Triogründer Olaf Polziehn setzt auf gediegene pianistische Technik, lässt sich aber von ihr nicht beherrschen. Vielmehr schwelgt er in der Perfektion des großen Materials. Wenn Polziehn "So In Love" (Cole Porter) spielt oder gar den guten alten "Rockin' Chair" von Hoagy Carmichael bewegt, dann mischen sich Respekt und Innovation durchaus fruchtbar.

Man hört, warum ihn eher traditionalistische Kollegen wie Ack van Royen oder Benny Waters engagiert haben: Polziehns Spiel belebt, ohne zu dominieren. Seine aktuellen Mitstreiter Thomas Cremer (Drums) und Martin Gjakonivski (Bass) flankieren sachdienlich und tadellos: Dem Frankfurt Jazz Trio gelingt die Transformation der swingenden nostalgischen Klassiker in die nüchterne Gegenwart ohne Substanzverlust.

Die beiden enthaltenen Eigenkompositionen des Trios (von Thomas Cremer und Olaf Polziehn) zeigen, dass man nicht nur "Our Favourite Things" (so ein früherer Albumtitel) beherrscht. Etwas mehr Mutiges dieser Art davon täte dem Profil des Trios gut. Damit nach dem Krisenjahr 2009 wieder das Avantgarde-Feuer lodert.