Joker und Jacko Die Pop-Terroristen
Heute wird Michael Jackson 50, aber dieser Geburtstag ist so, als würden Zorro oder Dracula ein Jubiläum feiern: Jacko, der King of Pop, hat sich von biografischen Konventionen, wie sie selbst für die meisten Stars nach wie vor gelten, fast vollständig gelöst.
Der Joker und Jacko: Hier sehen Ideologen schwarz
Foto: DDP; REUTERSNoch im kolportierten Leben von Angelina Jolie oder George Clooney finden sich Restbestände des Alltäglichen. Krankheiten, Trennung, eine Geburt. Michael Jacksons Existenz hingegen wirkt heute wie das Flimmern einer Bildstörung: Uns erreichen kaum mehr als Snapshots, Abbildungsfetzen ohne Dramaturgie. Der Star als Scheich verkleidet in Bahrain; in einem japanischen Supermarkt; auf einem Flughafen irgendwo zwischen den Kontinenten, das ist schon alles. Was wirklich passiert in seinem Leben, davon gibt es noch nicht einmal mehr die von Medienberatern gestaltete PR-Version. Michael Jackson, ein Gespenst der Popkultur.
Muse und Maske
Aus diesem Grund sind die Würdigungen zu seinem 50. vor allem gesättigt mit Nostalgie - und Herablassung. Viele der Geburtstags-Hommages folgen der Vorher-nachher-Logik von Beauty-Tipps in Frauenmagazinen, nur mit umgekehrten Vorzeichen: So sah er früher aus, der begnadete Musiker, Pop-Pionier, Tanzvirtuose. Das ist er heute: ein blasser Freak, das Gesicht verstümmelt zur Maske, eine lebende Wachsfigur.
Diese Nachrufe zu Lebzeiten werden bestimmt von einer moralischen Logik, die genau das verkennt, was sie zu beschreiben versucht. Jackson wird als Fall gelesen; man betreibt die therapeutische Analyse seiner Karriere, an deren Ursprung ein Trauma steht und an dessen Ende die Zerstörung wartet. In diesem Verfahren mischen sich Überheblichkeit und Ratlosigkeit: Wie wird man so? Warum tut man sich so was an?
Warum nicht einmal respektvoll Abstand nehmen von diesen Formen der Interpretation, die immer auch eine Indiskretion darstellen? Warum Michael Jackson nicht in jenem Raum aufsuchen, in den er sich sowohl zurückgezogen als auch ausgeweitet hat: den der Zeichen, der Illusion, der Kunst?
Natürlich gibt es auch in Jacksons Geschichte noch biografische Splitter, Daten, Ereignisse. Aber wenn man ihn ansieht, lösen sich die historischen Haltepunkte, anhand derer wir Lebenswege plausibel machen, auf.
Wo in diesem Gesicht hat sich Erfahrung abgezeichnet? Welche Erzählung bebildert dieser Körper? Er scheint wie aus dem Nichts zu uns gestoßen, und die Vorher-nachher-Fotos vermitteln nicht den Sinn einer Entwicklung, sondern nur den Schock eines Es ist.
Dabei gäbe es jetzt, wo ein Afroamerikaner auf dem Sprung ist, der mächtigste Mann der Welt zu werden, viel zu klären. Das Thema Rasse werde sich immer mehr ins Zentrum des Wahlkampfs vorschieben, erklärten Peter Beinhart und Andrew Taylor, zwei amerikanische Politologen kürzlich in der "FAZ". Was heißt also weiß, was schwarz sein? Was bedeuten Rassenunterscheide im Angesicht von Michael Jackson?
Jackos Weißsein ist eine Hybridform. Ja, er ist ein Schwarzer, aber sein Aussehen löscht diese ethnische Herkunft aus. Ja, er ist ein Weißer, aber so wie jene Aliens in Science-Fiction-Filmen, in deren Gestalt wir andere Wesen vermuten. Es gibt keine Lösung für dieses Dilemma, und deshalb heben sich in seiner Erscheinung nicht nur der Dualismus zwischen Schwarz und Weiß, sondern auch die damit verbundenen ideologischen Zuschreibungen von Gut und Böse, wild und zivilisiert usw. auf.
Darin liegt das utopische Potential von Michael Jackson. Auch seine Musik war in diesem Sinn aufklärerisch, eine hybride Montage unterschiedlichster Stile von Soul über R&B und Disco bis zu Rock und House. Genrebegriffe wurden obsolet, es blieb eine überraschende, verwirrende Vielseitigkeit.
Gibt es einen zweiten Künstler, der in letzter Zeit das Weiß als kulturelle Markierung so demontiert hat wie Michael Jackson? Ja, und es ist eine traurige Volte der Geschichte, dass er uns nur als Geist heimsucht: Heath Ledger in der Rolle des Jokers. In "Batman - The Dark Knight" spielt der Anfang des Jahres gestorbene Darsteller den brutalen Clown, der mit weiß geschminkter Fratze eine Stadt in Atem hält.
Zu Beginn des Films trägt der Joker eine Clownsmaske über seinem weiß geschminkten Gesicht. Schon da wird deutlich: Auch dieses Weißsein ist eine Projektion, hinter der sich keine Wahrheit, keine Substanz verbirgt, sondern nur die nächste Schicht eines Phantasmas.
Dieser weiß maskierte Narr verfügt weder über Moral noch Psychologie. Die Geschichte seines zum Dauergrinsen vernarbten Mundes erzählt er immer wieder anders - mal als Schauermär einer Selbstverstümmelung, mal als Folterstory, in der ihm sein sadistischer Vater das Gesicht zerschnitt. Die Wahrheit bleibt offen, die Erzählung verweist nicht auf einen wahren Kern, sondern höchstens auf andere Fiktionen. Zum Beispiel Victor Hugos Roman "Die lachende Maske": Darin wird ein Junge von einer Gauklertruppe entführt, man trennt ihm die Mundwinkel auf und stellt ihn als dauergrienenden Freak im Zirkus aus.
Moral belächeln
Wie die Publizistin Margo Jefferson in einem Essayerklärt, war Jackson fasziniert von den so genannten Freakshows des 19. Jahrhunderts, in denen Riesen, siamesische Zwillinge und "Affenmenschen" auftraten. Das Lächeln als Wunde ist in dieser Perspektive ein treffendes Emblem für die Zwänge des Popgeschäfts als Unterhaltungsrummel. Hier überschneiden sich die Fiktionen des Jokers mit den Mythen der Jackson-Legende. In der spielt ebenfalls der Vater den entscheidenden Part des Schinders.
Ledger hat den Joker, anders als Jack Nicholson, nicht als grellen Possenreißer, der über sich selber lacht, sondern als unberechenbaren Rebellen angelegt. Der amerikanische Schriftsteller Jerome Charyn schwärmte in der "Zeit" von der "schockierenden Dosis von Zerstörung und Selbstzerstörung", mit der Ledger den Joker spielte. Genau dieses Motiv der Autoaggression wird bei Jackson immer wieder hervorgehoben.
"Das Irritierende an dem Film ist, dass die Zerstörungswut des Jokers offenbar von seiner gestörten Sexualität herrührt", schreibt Charyn weiter die Lesart geistert ebenfalls durch die Kommentare von Jacksons skandalöser Zuneigung für Kinder. Ist es nicht ein gespenstischer Zufall, dass sich John Wayne Gacy, der größte Kindermörder aller Zeiten, als "Killer Clown" einen Namen machte?
Teen und Terror
In diesen Spannungslinien realer Gewalt und kultureller Imagination begegnen sich der Joker und Jackson. Sie sind Teil einer düster strahlenden Folklore, die gleichzeitig unterhält und bedrohlich ist. Hat Jackson, immer vermummt, immer auf der Flucht vor den Medien, nicht etwas vom Terroristen, wie ihn der Joker darstellt? Und sind damit nicht beide, der weiße Clown und der clowneske Weiße, auch Vertreter einer exzentrischen Revolte? Kurz: Sind sie nicht Pop in seiner schönsten, weil verwirrendsten und aggressivsten Form?
"Mit dem Joker haben wir sicherlich auch eine Art Terrorist kreiert", sagte Batman-Regisseur Christopher Nolan im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Aber er hat noch einen anderen dominierenden Charakterzug: Er repräsentiert Jugend, den rebellischen Geist der Teenager."
Auch der Joker wird niemals alt werden, auch sein Antlitz wird nicht reifen, Ausdruck von Erfahrung sein. In seinem wie in Michael Jacksons Gesicht können wir keine Geschichten lesen, sondern die Schrecken der Gegenwart bestaunen. Immer wieder ereilt uns der Schock des Nichtverstehens und die darin verborgene Lust an der Zerstörung von Sinn, Ordnung, Sicherheit.
Wie sagt der Joker: "Ich bin kein Monster. Ich bin nur allen anderen voraus."