K.I.Z-Album »Görlitzer Park«: Der Brennpunkt im Vorgarten - DER SPIEGEL
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Album der Woche mit K.I.Z Gift und Görli

Die Berliner Rapper von K.I.Z werden ernster und richten ihren Blick von der Weltkrise auf den Brennpunkt in ihrem Vorgarten, dem »Görlitzer Park«: Privates mischt sich mit Provokantem zur Politik. Unser Album der Woche.
Hip-Hop-Trio K.I.Z
Hip-Hop-Trio K.I.Z

Hip-Hop-Trio K.I.Z

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Philipp Gladsome

Album der Woche:

K.I.Z – »Görlitzer Park«

Es kommt nur selten vor, dass man einen der durchaus Ohrwurm-tauglichen Tracks der Berliner Hip-Hop-Gruppe K.I.Z fröhlich vor sich hinsummt. Und wenn, dann fühlt man sich sofort ertappt und ein wenig schuldig. So wie bei »Berlin wird dich töten«, einem der schönsten Pop-Songs vom neuen Album »Görlitzer Park«, dessen makabren Refrain man unschuldig mitsingt, obwohl es im Text um Gewalt gegen junge Frauen geht. Um Castings, die »creepy« sind, um Wohnungen, kalt wie Leichenhallen, und erbärmliche Abendessen, die aus »Yum Yum«-Instantnudeln bestehen, um K.-o.-Tropfen im Klub. »Berlin wird dich töten/ Ich weiß, das willst du nicht hören«, sprechsingt Rapper Tarek.

Doch, man will das hören, weil es gute Popmusik ist. Auch wenn sie einem immer wieder von vorne, von hinten oder von der Seite einen Klaps gibt: Ha, kalt erwischt! Oder einen Gruselschauer über den Rücken jagt. Oder einen bei der eigenen Naivität und politischen Einfalt packt. Ihre mal dumpf stampfende, mal verführerisch säuselnde Partymusik, ein Hybrid aus EDM-Beats, Billigtechno und Hip-Hop, ist ein ständiger Realitycheck. K.I.Z sind, fast 20 Jahre nach ihrer Gründung, vielleicht so etwas wie die Meister des deutschen Conscious-Rap.

Dabei haben sie eigentlich jahrelang so getan, als hätten sie kein Gewissen.

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Berühmt wurden Maxim Drüner, Tarek Ebéné und Nico Seyfrid ab Mitte der Nullerjahre durch anarchisch-unverschämte Provo-Tracks wie »Hurensohn« oder »Spast«. Kein Tabu war ihnen tabu, es ging in der Rollenprosa der Texte mal um Vergewaltigungsfantasien (»Ein Affe und ein Pferd«), mal um Holocaust-Gags (»Wir«). Die Abkürzung K.I.Z wurde über die Jahre als »Kannibalen in Zivil«, »Künstler in Zwangsjacken«, »Kriegsverbrecher im Zuchthaus« oder, am schönsten, »Karotten, Ingwer und Zwiebel« gedeutet.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL  bezeichnete Rapper und Band-Sprachrohr Maxim die populären Konzerte seiner Gruppe als »Safe-Space, in dem man frei reden kann«. K.I.Z erfüllten dabei »eine ähnliche Funktion wie Stand-up-Comedians in Amiland«. Aus ihrer generellen Linksorientierung machen die Rapper allerdings keinen Hehl. Anfang dieser Woche spielten sie im Berliner SO36 ein Benefizkonzert zugunsten von Anti-Rechts-Projekten. Der Klub in Kreuzberg war vollgepackt mit frenetisch jubelnden Menschen, moralisierende oder politische Ansagen von der Bühne gab es jedoch nicht. Zum Auftakt wurde, radikal wie eh und je, der alte Provo-Gassenhauer vom Affen und vom Pferd gespielt.

Auf »Görlitzer Park«, dem siebten Album der Band seit 2005, geben sich die Rap-Provokateure nun jedoch introvertierter, wenn nicht sogar ernsthafter und »erwachsener«, um mal ein Musikkritiker-Klischee zu bemühen.

Ein Großteil der Songs dreht sich um die Jugend der Musiker, die sie in den Kreuzberger Nachbarschaften rund um den titelgebenden Görlitzer Park verbracht haben, teils in prekären Verhältnissen. Mit ein bisschen Wehmut gehen sie zurück zu ersten Rap-Versuchen im Kinderzimmer (»Vierspur«), zur Sehnsucht nach der Randale mit den Bullen draußen auf der Straße, während man zu Hause der kleinen Schwester die Zähne putzen muss (»2001«). Oder zu Partynächten, die in Stress und Gewalt münden (»Samstag ist Krieg«, »Jahrmarkt«).

Es sind berührende Einsichten, einfühlsam zwischen Rap-Härte und Pop-Appeal produziert vom DJ-Team Drunken Masters, das auch schon Kraftklub, Deichkind und Casper betreute. Auffällig ist jedoch, dass sich die wohl furchtlosesten Rapper der linken Szene diesen Zeitpunkt ausgesucht haben, um den Blick in die Retrospektive zu wenden, in den eigenen Vorgarten. Der Görlitzer Park ist zwar auch ein erklärter »Brennpunkt« und von Bürgerängsten belagerter Drogenumschlagplatz, um den CDU-Bürgermeister Kai Wegner am liebsten einen Zaun bauen würde – aber bei Weitem nicht so unübersichtlich wie die aktuelle Krisen-Weltlage und der politische Diskurs. Zumal sich ausgerechnet mitten im Rechtsruck der Gesellschaft die Linke in Haltungsfragen zu Ukraine- und Gazakrieg zerreibt.

K.I.Z wollen bei dieser »Positionierungswut«, wie sie es im Interview nennen, nicht mitmachen – und verdammen, unter anderem im Titelstück, lieber die Kriminalisierung der migrantischen Drogendealer und die Gentrifizierung ihres Kiezes.

»Wir träumen von Frieden«

Mit »Frieden« und »Sensibel« finden sich dann doch noch zwei hochpolitische Stücke auf »Görlitzer Park«. Der erste ist eine hinterlistige Hymne mit Kinderchor, die eine unheimliche Dialektik von erklärten Pazifisten aufzeigt, die zwar Frieden fordern, letztlich aber doch den Aufrüstungs- und Waffenlieferungs-Narrativen verfallen: »Wir träumen von Frieden«, heißt es im Refrain, »doch erst müssen wir gewinnen«. Wieder so ein in sich klug verdrehter Mitsing-Schlager, der sich partout nicht als Schlachtruf eignen will, weder von rechts, noch von links. In ihren besten Momenten, dies ist einer davon, gelingt es K.I.Z mit den Mitteln von Rap und Rhetorik, den Blick auf eine differenzierte Sichtweise zu weiten.

Ungleich parteigreifender ist »Sensibel«: Darin erzählt Tarek, dessen Vater in Kamerun geboren wurde, bitterböse vom Alltagsrassismus in Deutschland gegen Migranten und Flüchtlinge: »Du bist Deutscher zweiter Klasse, Bruder, guck in’ Spiegel«, rappt er und mokiert sich darüber, dass auch die CDU jetzt »schwarze Leute« habe wie den Berliner Kultursenator Joe Chialo : »Hehe, die Partei geht mit der Zeit/ Er ist nur hier, um mir zu beweisen, dass ich übertreib«.

Das Stück enthält den einzigen Kommentar des Albums zur Israel-Diskussion: »Das ist dein Karriereende, überleg dir diesen Post/ Für dein ›Free Palestine‹ ruft der Chef dich ins Büro«, geißelt Tarek  mit beißendem Sarkasmus das Gefühl von Cancel-Culture und Meinungseinschränkung, vor allem von Menschen mit Migrationsgeschichte: »Halt die Füße still, du bist hier wegen der Quote/ Das ist noch kein Völkermord, das war’n noch nicht genügend Tote.« Immer noch ganz schön viel Gift im Umlauf auf dem »Görli«. Ist halt kein Kinderspielplatz. (8.5/10)

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