Karlheinz Stockhausen: "Techno-Papa" wird 75 - DER SPIEGEL
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Karlheinz Stockhausen "Techno-Papa" wird 75

Seine Kompositionen beeinflussten schon John Lennon und Frank Zappa, Werke wie "Inori" oder die Mammut-Oper "Licht" machte ihn weltberühmt. Karlheinz Stockhausen, einer der radikalsten Köpfe der zeitgenössischen Musik, wird heute 75 Jahre alt.
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Salzburg - Die Klänge von vier Saiteninstrumenten vermischen sich mit dem Rotorengeknatter von vier Helikoptern zu einer ungewöhnlichen Performance, die das Publikum im Hangar 7 des Salzburger Flughafens dank elektronischer Übertragung folgen darf. Schöpfer des abgehobenen "Helikopter-Streichquartetts" ist Karlheinz Stockhausen, der sich im Rahmen der Salzburger Festspiele gleichsam selbst ein Geburtstags-Ständchen bringt. Denn Stockhausen wird heute 75 Jahre alt.

Stockhausen war stets umstritten. Für die einen ist er ein verschrobener Vertreter der elitären Kunst, andere nennen ihn einen mutigen Pionier, eine Ikone der Rock- und Pop-Musik, der Größen wie John Lennon, Frank Zappa oder David Bowie beeinflusst hat. Großes Aufsehen erregte er vor knapp zwei Jahren, als er die Terroranschläge vom 11. September als "das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat" bezeichnete. Stockhausen korrigierte diese Aussage umgehend und bat um Entschuldigung. Doch alle, die in ihm den Sonderling sehen, fühlten sich in ihrer Auffassung nur bestätigt.

Stockhausens musikalischer Ruf als einer der überragenden Komponisten und Musikdenker des 20. Jahrhunderts begründet sich auf mehr als 280 selbstständig aufführbaren Werken, über 100 verschiedenen Schallplatten, die er mit eigenen Werken einspielte, und zehn Bänden "Texte zur Musik". Nahezu alle Uraufführungen seiner Werke dirigierte er selbst oder leitete sie als Klangregisseur.

Der Weg des Künstlers zu weltweitem Ruhm begann in den fünfziger Jahren. Damals machte er bei den legendären Internationalen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt mit radikalen Konstruktionen "punktueller Musik" auf sich aufmerksam. Zusammen mit Luigi Nono und Pierre Boulez, den er bei seinem Pariser Lehrer Olivier Messiaen kennen gelernt hatte, bildete er ein viel beachtetes "Dreigestirn" der musikalischen Revolution.

1953 wurde Stockhausen, der aus einem kleinen Ort bei Köln stammt, Mitarbeiter, später Leiter des Studios für elektronische Musik des Nordwestdeutschen Rundfunks, des heutigen Westdeutschen Rundfunks (WDR). Zwischen 1953 und 1956 entstanden seine ersten, bahnbrechenden Kompositionen elektronischer Musik.

Erforscher des kosmischen Klangs

Seine Hinwendung zu "intuitiver" und "kosmischer" Musik brachte Stockhausen in den späten sechziger Jahren harsche Kritik von Verfechtern der politisch bewegten Avantgarde ein. Eine Kritik, die bis heute noch nicht ganz verstummt ist. Wesentlich für Stockhausens Übergang zu einer meditativ-mystischen Kompositionsweise war seine Begegnung mit Ostasien, mit Japan und dem Zen-Buddhismus. Wegweisend sollte hier die musikalisch-theatralische Aktion "Inori" oder seine Mammut-Komposition "Licht" werden, an der er 1977 bis 2003 gearbeitet hat. Die Vertonung aller sieben Tage der Woche, die auch auf die Schöpfungsgeschichte verweist, ist ein modernes Gesamtkunstwerk, das alle Elemente seines musikalisch-theatralischen Werkes miteinander verbinden soll.

Wie kaum ein anderer verkörpert Stockhausen die konsequente Abkehr von den Hörgewohnheiten, den Kompositions- und Rezeptionstraditionen der Vergangenheit. Stockhausen selbst sieht sich nicht nur als Klangerfinder und Schöpfer kühner musikalischer Prozesse, sondern auch als "akustischen Forscher", der die "kosmischen Gesetze" erkennt und immer wieder "anders neu" zu formulieren sucht.

Manche gehen gar soweit, Stockhausen als "Papa des Techno" zu bezeichnen. "Über das Technische kann ich mit jedem Rock- oder Pop- oder Techno-Musiker sprechen", sagte der Komponist. Meistens sei ihm die Techno-Musik jedoch zu eintönig. "Man müsste viel waghalsiger sein in den Intervallen, erfindungsreicher in den Klangfarben und nicht immer nur Melodiefetzen wiederholen." Unterschiede gebe es bei Arbeitsauffassung und Radikalität. "Diese Musiker können sich einfach nicht erlauben, was ich ein Leben lang getan habe: sich nämlich monatelang oder jahrelang in ein Studio zurückziehen, um etwas zu realisieren, was man selbst außerordentlich gut und interessant findet, ohne Rücksicht darauf, wie weit das kommerziell an den Mann zu bringen ist."