Keith Richards wird 60 Teuflisch echt
Ein Held von eigenem Adel ist Keith Richards auch ohne Ritterschlag. Es gibt wenige Rockmusiker, geschweige denn faltige Veteranen, die wie er nahezu unumschränkte Wertschätzung bis hin zu jüngsten Fans und Kollegen genießen. Seine Rhythmus-Gitarre, an Blues und Chuck Berry geschult, prägte nicht nur den Sound der Rolling Stones, sondern zahllose Epigonen. An Ry Cooder orientiert, stimmte Richards seine Gitarre schon mal im Open Tuning-Stil in G, um spezielle Klangwirkungen zu erzeugen. Dabei störte die tiefe E-Seite - er eliminierte sie kurzerhand.
Keith Richards hoffte nie - wie etwa sein Zeitgenosse Pete Townshend ("My Generation") - zu sterben, bevor er alt sei. Er erscheint heute auf eine beinahe mythische Art unzerstörbar. Das liegt zu einem guten Teil an seiner sprichwörtlichen, stoischen Coolness, die ihn stets vor aller zeitgeistigen Aufgeregtheit bewahrt, wie auch an der praktischen Überlebenskunst, die nicht eben zum Reisegepäck eines jeden Rock'n'Roller gehört. "Live fast, love hard, survive!" könnte in Abwandlung der alten Rocker-Devise sein eigenes Motto sein.
In der jüngsten Ausgabe des amerikanischen Magazins "Esquire" steht ein Interview mit Satan, dem Herrn der Finsternis, der ausführt, zur Begrüßung von Keith Richards in der Hölle schon oft ein Banner mit dem Text "Welcome, Keith!" aufgehängt zu haben. Jetzt nahm er es ab - "Keith kommt ja doch nie". Obwohl das Interview natürlich fiktiv war - es klingt doch teuflisch echt.
Musiklegenden: Keith Richards - der ewige Rocker
Den am 18. Dezember 1943 im englischen Dartford (Grafschaft Kent) geborenen Keith verbindet eine herzliche Hassliebe mit seinem Rolling-Stones-Partner Mick Jagger, den er schon 1951 auf der Schule kennen lernte. Natürlich wäre es für den Rebellen Richards undenkbar, sich von der Queen zum Ritter schlagen zu lassen und damit den endgültigen Segen des Establishments entgegen zu nehmen. Eher noch würde er den Titel eines "Ehren-Brenners" bei der Firma Jack Daniels akzeptieren, die seinen Lieblingswhiskey produziert.
Allerdings sang er einmal im Kinderchor vor der Queen, doch das war vor dem Stimmbruch, der bei Jungs ja so einiges ändert. Die erste Gitarre gab's allerdings erst mit 15. Zu dieser Zeit begeisterten ihn schon die Songs von Bluesgrößen wie Willie Dixon und Muddy Waters, aber auch die von Elvis Presley, Buddy Holly und natürlich Chuck Berry. 1959 dann trafen sich Richards und Jagger auf der Sidcup Artschool wieder, wo Jagger mit Dick Taylor (später bei den Pretty Things) in einer Bluesband spielte. Richards fand seine musikalischen Vorlieben in dem extrovertierten Jagger perfekt widergespiegelt. Drei Jahre später, im Sommer 1962, gaben sie als Rolling Stones ihr Bühnendebüt.
No Satisfaction
In der Band hatte Keith zunächst als starken Partner den nicht minder charismatischen Leadgitarristen Brian Jones, doch es war Richards, der mitten in der Nacht das Riff zu "(I Can't Get No) Satisfaction" in den Recorder spielte, wodurch die Stones schon 1965 zu Rock-Göttern wurden. Diese Riff-Magie, die allein vom Können und der Erfindungsgabe Richards' ausging, machte auch Songs wie "Honky Tonk Women", "Get Off Of My Cloud" oder "Jumpin' Jack Flash" zu Klassikern. Trocken, hart, kurz und gut.
Das Songwriter-Siegel Jagger/Richards wurde zu einem ähnlichen Markenzeichen wie Lennon/McCartney, wobei sich die zeitweilige Rivalität zwischen Beatles und Stones rasch erledigte, weil die Liverpooler Truppe einfach 1969 die Segel strich und es sein ließ. Die Rolling Stones hingegen hatten noch Schweres und Großes vor sich. In den frühen siebziger Jahren erschienen die maßgeblichen Stones-Alben "Sticky Fingers" und "Exile On Main Street", bis heute stets bei diversen Polls unter den "Besten Alben aller Zeiten" gelistet. Beide geprägt - natürlich - vom souveränen und pointierten Gitarrenstil Keith Richards', der nach dem Tod von Brian Jones 1969 das musikalische Ruder endgültig übernahm.
Solistisch hingegen konnte Keith Richards nie so recht überzeugen. Seine Gesangsdarbietungen, selbst auf dem Meisterwerk "Exile" (etwa "Happy") waren nicht annähernd so gut wie seine Rhythmen und Soli. Seine eigenen Studiosessions in den siebziger Jahren brachten sinnigerweise nur eine Weihnachtssingle hervor ("Run Rudolph Run"/1978). Erst 1988 erschien sein erstes veritables Soloalbum "Talk Is Cheap", 1992 gefolgt von "Main Offender". Beide okay für Fans, aber eben ohne die belebende und befeuernde Auseinandersetzung mit Mick Jagger, die bis heute eine entscheidende Triebfeder fürs Weitermachen des Überlebenskünstlers Richards blieb.
24 Jahre rumhängen
Wie anstrengend die Arbeit für die beiden häufig war, zeigte schon früh Jean-Luc Godards "One plus One". Die Hälfte des Films beinhaltet die quälend anstrengende Studioaufnahme des Songs "Sympathy For The Devil" für das epochale "Beggar's Banquet"-Album. Wie sich aus spröden Riffs und wenigen Harmonien schließlich der monströse und kraftvolle Satanssong schält, das ist schon mehr harte Arbeit als reine Rock-Inspiration. Aber über seine eigene Rolle, seine Person und das Rock-Business machte sich Keith Richards ohnehin nie Illusionen. "25 Jahre Rock'n' Roll? Ein Jahr Musik machen und 24 Jahre herumhängen", sagte er seinerzeit auf die Frage nach einer Zwischenbilanz seiner Karriere.
Legenden über ihn gab es reichlich, manche sind sogar wahr. So trägt er doch häufig eine Waffe bei sich, meistens ein großes Messer. Die Geschichte mit dem kompletten Blutaustausch allerdings, die ihm nach Drogenexzessen 1972 das Leben gerettet haben soll, war erfunden - immerhin, auch das klang teuflisch echt.