Klassik: Die Ehen des Schamanen - DER SPIEGEL
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Klassik Die Ehen des Schamanen

Karlheinz Stockhausen hat einen neues Kapitel seines Mammutwerks "Licht" vollendet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der alte Hexenmeister ist ein ausdauernder Mann: 75 wird Karlheinz Stockhausen dieses Jahr, doch bis zur Vollendung seines gigantischen Musiktheater-Zyklus "Licht" dürfte wohl noch einige Zeit vergehen. Mit gewöhnlichen Maßstäben indes hat sich der Pionier der elektronischen Musik, der seit 50 Jahren mit dem Kölner Rundfunk zusammenarbeitet, nie messen lassen. Auch sein jüngstes Stück, das diesen Monat Premiere hat, sprengt geradezu ostentativ den normalen Konzertrahmen: "HOCH-ZEITEN", die 5. Szene von "SONNTAG" aus "LICHT. Die sieben Tage der Woche", wird in zwei benachbarten, über Lautsprecher verbundenen Sälen von Chor und Orchester gespielt. In der Pause tauschen dann beide Ensembles die Plätze und führen das Werk quasi spiegelbildlich noch einmal auf. Nicht genug damit: Sänger und Instrumentalisten verteilen sich in je fünf Gruppen rund um das Publikum, und die Choristen müssen Liebesgedichte in Englisch, Arabisch, Kisuaheli, Chinesisch und Hindi bewältigen. Es klingt kaum ungewöhnlich für den modernen Schamanen Stockhausen, der vor weltumspannenden, ja kosmischen Sinnentwürfen längst jede Scheu verloren hat. Schon 1984 verkündete er, Licht sei für ihn die "Substanz des universalen göttlichen Seins", in dessen Auftrag er komponiert, und so dürften auch die akustischen Eheschließungen, die er nun mit Kopfhörer-Signalen zwischen den Musikern auslösen will, als Liturgie-Elemente einer spirituellen Einweihung gemeint sein. Größenwahn? Scharlatanerie? Den mutigen Kölner Musikern kommt es erst einmal nur darauf an, dass sie den vertrackten Rhythmus-Dschungel von zweimal 32 Minuten heil bewältigen.

Johannes Saltzwedel


"HOCH-ZEITEN" von Karlheinz Stockhausen wird am 2. Februar in Las Palmas (Gran Canaria) uraufgeführt; am 14. Februar folgt in der Kölner Philharmonie und im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR die deutsche Premiere. Stockhausen selbst führt die Klangregie. Karten: Tel. 0221/28 02 80.