Klassik Königsmord mit Hindernis
Manchmal muss sogar eine Oper um die halbe Welt reisen, bis sie bei sich selbst angelangt ist: Als Giuseppe Verdi im Herbst 1857 seinen Textdichter Antonio Somma traf, um ein Stück für den nächsten Karneval zu verabreden, einigten sich beide auf den Schauplatz Schweden, wo 1792 der Mord an Gustav III. den Königshof erschüttert hatte. Doch die Zensoren der kleinen Monarchie Neapel wollten von einem toten Regenten auf der Bühne nichts wissen. Gehorsam verlegten die Künstler ihr Musikdrama ins herzogliche Stettin. Vergebens: Am 14. Januar 1858 waren bei einem Bombenanschlag auf Napoleon III. von Frankreich acht Menschen umgekommen; nun mochten die nervösen Aufpasser statt eines Maskenballs allenfalls Bankettszenen im züchtigen Renaissance-Florenz gestatten. Das wurde Verdi zu bunt. Er stieg aus seinem Vertrag aus und bot die fast fertige Oper in Rom an. Mit den päpstlichen Überwachern fand sich ein Kompromiss: Amerika. Ein Herrscher fern der Alten Welt, das erschien unverfänglich. 1859 endlich kam "Un ballo in maschera" mit einjähriger Verspätung in Rom heraus. Seither ist das Werk ein Repertoire-Renner - und trotzdem fragen manche, weshalb denn gerade ein Bostoner Gouverneur den tragischen Helden abgeben muss. Dieses Unbehagen machte die Verdi-Experten Philip Gossett und Ilaria Narici produktiv. Aus Notizen im Manuskript und einer Partiturskizze in Verdis Nachlass erarbeiteten sie (mit viel Hypothesen-Hilfe) eine Urfassung, die das Staatstheater Darmstadt jetzt erstmals in Deutschland aufführt, nur sechs Tage nachdem sie in Neapel, Verdis einstigem Wunsch-Premierenort, herausgekommen ist. Sogar ohne Fernreise lässt sich die Rekonstruktion schon begutachten: In einem achtbaren Mitschnitt aus der Göteborger Oper ist ein gefühlsstarker "Gustavo III" auf CD nachzuerleben.
Johannes Saltzwedel
Deutsche Erstaufführung: Staatstheater Darmstadt, 24. und 28. Januar (Matinee schon am 18. Januar). Tel. 06151/29 38 38. CD-Box: "Gustavo III" (Dynamic 426).