Klassik: Mönch in der Großstadt - DER SPIEGEL
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Klassik Mönch in der Großstadt

Hinter der Debütplatte von Gordon Sherwood verbirgt sich eine fast unglaubliche Geschichte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Komponist sein, das heißt in der westlichen Welt heute fast immer: Selbstvermarktung, Seilschaften, Auftragswerke, Anpassungsdruck. Das enge Feld der Klang-Avantgarde ist subventioniertes Gelände. Auch die Geschichte von Gordon Sherwood passt anfangs in dieses Schema. Preisgekrönter Absolvent der Musikakademie in Ann Arbor, Komponisten-Debüt in New Yorks Carnegie Hall mit 26, anschließend Stipendiat beim großen Philipp Jarnach in Hamburg, Schlussrunde an der renommierten Accademia di Santa Cecilia in Rom - besser könnte ein ehrgeiziger Klangwerker es kaum machen. Plötzlich aber scheint alle Zielstrebigkeit verflogen. Beirut, Kairo, Israel, Griechenland sind seine nächsten Stationen; es folgen acht Jahre Kenia und eine Asienreise. Hinterher sitzt Sherwood wieder in New York - als Obdachloser. Doch der Mann aus Illinois bleibt stur. Mit der Hilfe von Freunden schlägt er sich als Clochard durch, sieht wieder Städte rund um den Globus und verbringt endlich zehn lange Jahre bettelnd auf den Straßen von Paris. Das Komponieren begleitet ihn; seinem motorisch-kraftvollen, polyfonen, oft mit Jazz-Synkopen unterlegten Stil bleibt er dabei verblüffend treu. Erst um 1990 finden ein alter Bekannter und die Pianistin Masha Dimitrieva den Vergessenen wieder, und nun beginnt das seltsame dritte Leben des Gordon Sherwood: In einer niederbayerischen Turnhalle werden drei seiner Werke erstmals aufgenommen. Vom harten Puls der Moderne bis zu fernöstlich schwebenden Melodie-Meditationen entfaltet der Großstadt-Mönch darin ein Weltbild aus immer neuen Kontrasten, schonungslos und pathosfrei - kluge, reiche, tiefsinnige Musik. War es vielleicht doch zielstrebig, das Leben auf der Straße? Unter einer festen Adresse ist Gordon Sherwood, 74, in New York jedenfalls noch immer nicht zu erreichen.

Johannes Saltzwedel


CD: "Symphonie Nr. 1, Klavierkonzert, Sinfonietta". Masha Dimitrieva, Klavier; Bayerisches Landesjugendorchester, Werner Andreas Albert (CPO 777 012-2).