Franz Schubert: "Fantasia f-Moll D 940, Grand Duo D 812"
(Tacet)
Lange galt Schuberts ausladendes "Grand Duo" als Skizze einer Symphonie. Heute ist das enorm facettenreiche, aber selten aufgeführte vierhändige Klavierstück von 1824, das auf dem Esterházy-Schloss Zseliz entstand, als eigenständiger Klangkosmos anerkannt. Die unentwegt von melodischer Innigkeit bis zu titanischen Ausbrüchen schwankende Unendlichkeit dieser Musik bietet idealen Stoff für den Struktur- und Wesenssucher Evgeni Koroliow mit seiner Frau und Duopartnerin Ljupka Hadzigeorgieva.
Louis Couperin: "Orgelstücke 1650 bis 1659" (Toccata)
Seinen gewitzten Neffen François kennt jede Musikgeschichte; vom früh gestorbenen Onkel Louis (1627 bis 1661) wissen die Wenigsten. Erst 2003 erschien die Edition einer kapitalen Orgelsammlung, die 1957 als Manuskript aufgetaucht war. Sie zeigt den barocken Meister als Harmonietüftler zwischen gravitätischen Präludien, Fugenkunst und versonnenem "Fantaisie"-Spiel. Pieter Dirksen, Organist im holländischen Cuijk, stellt die wichtigsten Funde auf seinem bestens geeigneten Hausinstrument vor.
Dietrich Buxtehude: "Das Jüngste Gericht" (Ambitus)
Ob es wirklich Bachs großer Lübecker Lehrer war, der dieses erstaunliche, fast zweieinhalbstündige Endzeit-Oratorium komponiert hat? Nicht einmal Experten können es beschwören. Aber Klaus Eichhorn mit seiner Berliner Capella Cantorum aus Knaben- und Männerstimmen liefert ein überzeugendes Plädoyer für die Echtheit. Nah der Originalbesetzung, ohne sklavisch texttreu zu werden, lässt er die kraftvolle Rhetorik dieses allegorischen Memento Mori so für sich sprechen, dass das Hörerherz mitschwingt.
Franz Schubert: "Klaviermusik zu vier Händen" (RCA Red Seal)
Auch Jewgenij Kissin und James Levine haben am 1. Mai 2005 in der New Yorker Carnegie Hall an zwei Flügeln Schubert gespielt. Der Live-Mitschnitt des "Grand Duo", orchestral wuchtiger und improvisierter im Zugriff, blendet die Grübeleien der Musik eher ab; dafür stehen Schuberts Tonartenzauber, seine motorische Energie und Geselligkeit obenan. Auch diese Lesart besticht - schon als Parallele zum Allegro "Lebensstürme" D 947, das die Virtuosen in ein Feuerwerk kontrastierender Emotionen verwandeln.
Goffredo Petrassi: "Konzerte für Orchester" (Stradivarius)
Verblüffend logisch folgt das OEuvre Petrassis, der 2003 mit 98 Jahren starb, dem Ausdrucksspektrum seiner Epoche: Angeregt vom Neoklassizismus seines Lehrers Alfredo Casella, von Strawinski, Hindemith und wohl auch der Mikromelodik Prokofjews, geht der einstige Sängerknabe später bis zur Serialität und polyrhythmischen Ballungen. Das Niederländische Rundfunkorchester unter Arturo Tamayo präsentiert die acht Orchesterkonzerte ("Symphonien" durften es nicht sein) - lyrisch-luzide Gegenwartsporträts.
"Alfred Cortot spielt Chopin" (Naxos)
Viele heutige Kollegen - von Kennern zu schweigen - verehren die Aufnahmen Cortots (1877 bis 1962) als Musterfälle purer Klangpoesie. Nun spendiert Naxos, mittlerweile auch für Historisches eine gute Adresse, den Fans eine fünfteilige Chopin-Serie mit dem Unerreichten. Gleich in der Startfolge wogen und funkeln die Préludes in Cortots frühestem Mitschnitt von 1926 oft noch fesselnder als in der viel bekannteren Version von 1933: ein gutes Omen für das neue Projekt des Schallrestaurierers Mark Obert-Thorn.