Klassik Neue CDs und DVDs
W. A. Mozart: "Klavierkonzerte d-moll KV 466 und G-Dur KV 453" (Virgin Classics). Ab 27.1.
Lässt das Jubiläum noch Raum für Entdeckungen? Piotr Anderszewski, der versonnene Tastenpoet, hat es wieder geschafft: Nicht intellektuell-raffiniert wie kürzlich sein Kollege Pierre-Laurent Aimard, sondern durch Konzentration auf reinen Klang, stilkundige Auszierungen und einen wunderbar singenden Anschlag trifft er traumsicher Mozarts Ton - und überträgt diese Magie auf das Scottish Chamber Orchestra, das er vom Flügel aus dirigiert.
W. A. Mozart: "Klaviersonaten" (Deutsche Grammophon). Ab 13.1.
Wenn Michail Pletnjow, einer der souveränsten Pianisten weltweit, Mozart-Sonaten spielt, heißt es aufpassen: Verführerisch, bisweilen mutwillig, jedenfalls ganz ohne pädagogischen Zeigefinger lässt er die Töne perlen, dehnt hier kokett, swingt dort und prescht auch mal launig voran. Alle vier Sonaten (KV 330, 331, 332 und 457) hat er auf einem Blüthner-Flügel in einer Nacht eingespielt und so die improvisatorische Sternstunde weise festgehalten.
Robert Schumann: "Für meine Clara" (Winter & Winter)
Musik für Klavier zu drei Händen - nein, kein Scherz, sondern das Dokument doppelter Liebe: Robert Schumanns zu seiner Clara und der Eheleute zur Klangwelt der Bachschen Fuge. Federica Valli und Lorenzo Ghielmi spielen die "Sechs Stücke in kanonischer Form" auf einem Fortepiano von 1827. Schon an sich sind die Charakter-Etüden fesselnd. Vor ihrem Hintergrund können dann die Fugen-Finessen im Klavierquintett opus 44 (vom Ensemble La Gaia Scienza mit Wärme gespielt) noch eindrucksvoller funkeln.
Chopin/Godowsky: "Etüden" (Warner Classics). Ab 27.1.
Insidern gilt er als Inbegriff des komponierenden Virtuosen: Mit frappierender Phantasie verwandelte Leopold Godowsky (1870 bis 1938) Chopins berüchtigt schwierige Etüden in hochintelligente, fingerzehrende akustische Orgien, wahre Ton-Trips, von denen einige sogar allein für die linke Hand geschrieben sind. Erstmals stellt Boris Beresowski hier Original und Verfremdungen einander gegenüber, und dank seiner stupenden Technik erstrahlen die kleinen Edelsteine musikalischer Dekadenz in zeitlosem Hochglanz.
Rudi Stephan: "Orchesterwerke" (Chandos)
Viele Wege führten in die Moderne. Auch Rudi Stephan aus Worms war dabei, ein Klangpionier zu werden, als er 1915 mit nur 28 Jahren im Schützengraben tödlich getroffen wurde. Seine Stücke von 1910 bis 1912, mit stolzer Strenge titellos konzipiert, suchen nach musikalischer Zukunft und mögen doch Stimmungsmalerei, Tonalität und große sinfonische Geste nicht lassen. Ist das nun Filmmusik? Oleg Caetani und das Melbourne Symphony Orchestra stellen den wichtigen Fund auf ihrer Hybrid-SACD kompetent vor.
W. A. Mozart: "Streichquartette KV 387, 465, 575 / Eine kleine Nachtmusik" (DVD - EuroArts)
Erst vor kurzem haben sie mit einer Komplett-Einspielung der Beethoven-Quartette ihre Meisterschaft bewiesen. Zum Jubiläum interpretiert das Leipziger Gewandhaus-Quartett nun auf DVD vorbildlich drei Quartette Mozarts samt einem Evergreen in Originalversion. Dabei zuzuschauen, Verständigungsblicke und Lächler zu registrieren mag für Puristen nichts mit musikalischer Substanz zu tun haben. Die Übrigen aber können hier auch visuell das tun, was Goethe 1803 für alle Kunstwerke empfahl: Sie "im Entstehen aufhaschen".
JOHANNES SALTZWEDEL