Klassik: Rätsel der Wahrheit - DER SPIEGEL
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Klassik Rätsel der Wahrheit

Murray Perahia und Paul Lewis wagen den Härtetest: die letzten Sonaten von Franz Schubert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie soll das bloß klingen? Trostlos? Schließlich kann der schwer kranke Franz Schubert wenige Wochen vor seinem Ende kein besonders heiterer Mensch gewesen sein. Bitter ironisch? Wehmütig-weltflüchtig? Oder doch mit großem Blick in die Ewigkeit, als letztes Aufbäumen eines Menschen, der für die Welt zu gut war? Drei riesige Sonaten hat Schubert im September 1828 vollendet. Seit diese Seelen-Massive zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Konzertstücke wiederentdeckt wurden, sind sie zum Härtetest für Klavierdenker avanciert. Artur Schnabel, Eduard Erdmann, Claudio Arrau und viele andere haben versucht, dem grandios beklemmenden Wahnsinnsausbruch im Andantino der A-Dur-Sonate auf den Grund zu kommen und sich einen Reim zu machen auf das hastig fliehende, von düsteren Stopp-Signalen durchsetzte Finale der B-Dur-Sonate. Nun, verblüffend rasch nach seinem Erfolg mit Chopins Etüden, ist auch Murray Perahia, US-Pianist mit dem Hang zum Erlesenen, bei Schubert angekommen. Symphonisch lässt der Weltstar die Tonarten dahinrauschen, edel wölbt er melodische Stimmungsbögen. Doch ist pedalige Eleganz das Richtige für Klänge, die ein Genie am Abgrund schrieb? Nur ein paar Takte Schubert von Paul Lewis, und die Antwort ist klar. Wie der unprätentiöse Brite mit winzigen Akzentrückungen das Herbe, Verstörende hinter diesen Noten erspürt, wie er die Doppelbödigkeit des Dur-Frohsinns aufdeckt, wie er unbarmherzig daherdonnert und dann abrupt ein melancholisch verhaltenes Echo anschließt - darin zeigt sich nicht nur der Meisterschüler Alfred Brendels, sondern auch ein Mann, dem es um die Wahrheit geht. Trainiert als Virtuose, hat Lewis seit bald drei Jahren fast nur noch Schubert geübt. Erst 2005 will der akribische Poet zu einem noch gewaltigeren Tonkosmos wechseln: zu Beethoven.

Johannes Saltzwedel


CDs Murray Perahia: "Schubert - Späte Sonaten" (D 958-960, Sony 87706). Paul Lewis: "Schubert - Die letzten Sonaten" (D 959 / 960, Harmonia Mundi HMC 901800).