Klassik Samurai aus Petersburg
Was für ein Rätsel, dieser Kerl. Wie hingebeamt erscheint er auf dem Klavierschemel, und sofort geht es los; kaum ist das Stück vorbei, strebt Grigory Sokolov, 53, schnurstracks von dannen - Show und Applaus scheinen für den kräftigen St. Petersburger eine Tortur zu sein. Vergangenes Jahr erteilte er dem Publikum eine Sonderlektion, indem er drei Beethoven-Sonaten fast ohne Pause hintereinander abrollen ließ; spätestens nach dem zweiten Akt des kalkulierten Klangmarathons wagte fast niemand mehr, vorlaut dazwischenzuklatschen. War doch, was der Russe den Tasten entlockte, von so zarter Präzision, dass niemand auch nur den letzten Nachhall verpassen mochte. Ob er Filigranes von Bach spielt oder eine jener Prokofjew-Sonaten, in denen die Moderne pocht und scheppert, grüblerische armenische Tanzmelodien oder Chopin und Brahms: Immer trifft Sokolov wie ein Samurai exakt sein Stil-Ziel, jedes Mal scheint er ein Leben lang nur auf diesen Moment gewartet zu haben. So einem liegt an Öffentlichkeit kaum. Klangkonserven hat er, von dem es aus früheren Jahren beeindruckende Mitschnitte gibt, seit langem nicht mehr freigegeben. Gedenktage? Furchtbar. Wettbewerbe? Blödsinn - meint derselbe, der einst 1966 als Student die Moskauer Tschaikowski-Konkurrenz gewann. Interviews? Lieber nicht. Es reicht ja, am Abend genau hinzuhören. Prominent werden sollen ruhig andere. Doch jetzt hat der zurückgezogene Klangwerker den idealen Partner gefunden. Bruno Monsaingeon, ein Musik-Spezialist, der schon Glenn Gould vor der Kamera zum Plaudern brachte, durfte Sokolov in Paris filmen. Er hat es so diskret getan wie möglich. Doch gerade dadurch ist ein Dokument von einzigartiger Intensität entstanden. Wer es erlebt hat, wird kaum noch zu kommen zögern, wenn Sokolov in der Nähe ein Konzert gibt - an die 80 im Jahr spielt er schließlich weltweit, regelmäßig auch in Deutschland.
Johannes Saltzwedel
DVD: "Grigory Sokolov live in Paris" - Film von Bruno Monsaingeon (naïve).