Klassik Sechs Kehlen, ein Gedanke
Jeder Chorist kann ein Lied davon singen, wie heikel Stehplätze am Rand der Stimmgruppen sind: Einmal zum Nachbarn gehört, schon hat man's verpatzt. Tönt dann gar jede Gesangslinie bloß aus einer einzigen Kehle, ist es mit dem Durchmogeln vorbei; jeder Sänger muss ein exzellenter Solist sein und dazu noch im Team harmonieren. Sehr wenige Gruppen auf der Welt beherrschen diese Kunst bühnenreif - darunter ein deutsches Ensemble: "Die Singphoniker", gegründet eher aus Freizeitlust von sechs Absolventen der Münchner Musikhochschule, ist inzwischen zu dem geworden, was die Briten an ihren "King's Singers" haben. Einschließlich der Neugier: Wie ihre Vorbilder von der Insel durchkämmen die Herren unter der Ägide des Tenors Alfons Brandl systematisch die Musikgeschichte nach Schätzen. Fünf preisgekrönte Schubert-CDs, aber auch Abgelegenes von Michael Haydn, Conradin Kreutzer oder Edvard Grieg haben die Singphoniker aufgenommen. Natürlich durfte auch eine "Comedians"-CD nicht fehlen. Dabei konnten die legendären Comedian Harmonists, deren "Veronika"-Gesäusel inzwischen von der Hör-Patina nostalgisch verklärt ist, sich noch aufs begleitende Klavier verlassen. Die Singphoniker kommen gut ohne solche Hilfen aus. Ihr jüngster Fund beweist es mal wieder: Chorsätze des alten Richard Strauss, die in ihrer Tonarten-Mixtur selbst gewöhnliche Chöre ins Schlingern bringen könnten, stehen neben scheinbar biederen, aber oft geradezu listig gesetzten Stücken des Maestro polyphonissimo Max Reger. Dessen Sinn für deftigen Humor haben die Singphoniker offenbar auch - in einem Lied schmettern sie fröhlich auf gut Altdeutsch: "Wir sind ein fürnemb Lumpenpack".
Johannes Saltzwedel
CD: "Singphonic Reger & Strauss" (CPO 999 966-2). Konzerte: Am 1. September gastieren die Singphoniker in Germaringen (Tel. 08341/90 66 99); am 7. September treten sie in Hagen am Teutoburger Wald auf (Tel. 05401/351 08).