Klassik: Selbstverständlich enorm - DER SPIEGEL
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Klassik Selbstverständlich enorm

Das Leipziger Gewandhaus-Quartett spielt Beethovens Quartette ­ und gewinnt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was war denn das? Siiee-dlumm, ta, ta, taa - zweimal nacheinander, als ob jemand ausgleitet und dann kurz unwirsch herumtrommelt. Mitten im huschenden Scherzosatz des großen B-Dur-Quartetts op. 130 hat Beethoven die Kauzerei eingebaut. Skrupellos wie keiner zuvor steuert er mit kühnem Rutsch ins Hauptthema zurück. Enorm, verblüffend muss das klingen, aber nicht derart ruppig, dass es den klanglichen Rahmen sprengt. Eine kleine Herausforderung also - aber die vier Herren des Leipziger Gewandhaus-Quartetts machen sich einen Spaß daraus. Gleich mit allen Beethoven-Quartetten haben sie es jetzt aufgenommen, dem unbestrittenen Zentralmassiv klassischer Musik für vier Streicher; dennoch ist dem edlen Konvolut von neun CDs nirgendwo Konkurrenzdruck anzumerken. Woher die gelassene Selbstverständlichkeit? Die Musiker erklären es aus der Tradition. Seit fast 200 Jahren existiert das Quartett, das sich aus den Stimmführern im Leipziger Gewandhausorchester ergibt; von den heutigen Spielern führt der Weg über Schüler und Lehrer ein volles Jahrhundert zurück. Auf einer Bonus-CD, die auch Mitschnitte von 1916, 1968 und 1985 enthält, ist das zu verfolgen. Und bei allem Kontrast zwischen dem hochromantischen Wogen der Stimmungen anno dazumal, der Neusachlichkeit in der zweiten Jahrhunderthälfte und dem historisch erwärmten und doch analytisch geprägten Ton heute: Überall wird deutlich, dass es den Leipzigern vor allem auf perfekten Zusammenklang ankam und ankommt. Entwaffnend knapp meint Gerhard Bosse, der von 1955 bis 1977 die erste Geige spielte: "Die Hörer sollen eigentlich nur Musik hören." Eine Selbstverständlichkeit vielleicht, aber doch eine, die enorm schwierig zu meistern ist. Bei den bescheidenen Leipzigern wird sie geradezu enorm selbstverständlich.

Johannes Saltzwedel


CD-Box: "Ludwig van Beethoven - Die Streichquartette". Gewandhaus-Quartett (Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Volker Metz, Jürnjakob Timm). NCA.