Klassik-Tango Benutz mich, beschmutz mich
Die Liebe ist ungerecht. Man hat alles getan: Den Partner vergöttert, sich erniedrigt, sich aufgeopfert - und ist doch verlassen worden. Vor allem vom Typus des gutherzigen, gedemütigten Mannes und der gefallenen Frau handelt kein anderer Tanz so ausgiebig wie der Tango.
Wer in den herrlich ranzigen Tango-Kaschemmen in Buenos Aires erlebt hat, wie sich die Beine der Tänzer nicht in Boden-Nähe, sondern in Hüfthöhe bewegen wie züngelnde Schlangen, die einen Unterschlupf suchen, mag ahnen: Es ist keine Frage der Virtuosität, sondern der Leidensfähigkeit, diesen Tanz zu beherrschen.
Wenn in Deutschland dem Tango besondere Liebe entgegengebracht wird, so sagt das eventuell etwas über das Rollenverhältnis von deutschem Mann und deutscher Frau. Es sagt etwas über ihre finstere Sehnsucht nach Tragik.
In jedem argentinischen Tango-Lokal hängt ein Foto des legendären Tango-Sängers Carlos Gardel. Wenn man nach anderen Tango-Klassikern fragt, erhält man zur Antwort: "Die frühen Aufnahmen von Aníbal Troilo" (gemeint ist der geniale Bandoneonist der dreißiger bis sechziger Jahre), "einiges von Osvaldo Pugliese" (dem linken Avantgardisten des Tango) "und natürlich alles von Astor Piazzolla."
Zu dem Antitraditionalisten und Begründer des "Nuevo Tango" hegt man in Deutschland seit den siebziger Jahren, als Piazzolla durch Deutschland tourte, eine so große Zuneigung, dass jetzt sogar eines der renommiertesten deutschen Streichquartette, das Artemis Quartett, dem schmutzigsten Tanz des frühen 20. Jahrhunderts Eingang in sein Repertoire erlaubte.
Genial verschmutzt
"The Piazzolla Project", das klingt seriös. Unter der Deckformation gestrenger Hausmusik (Klavier-Trio und -Quintett) kommt der Tango in den Arrangements des Cellisten Eckart Runge und des Pianisten Jacques Ammon indes so ungezähmt dreckig und leidensselig herüber wie nur möglich.
Nicht zufällig war Astor Piazzolla ein Schüler der Pariser Klassik-Domina Nadia Boulanger. Sie hat von Quincy Jones über Aaron Copland bis zu John Eliot Gardiner eine unglaubliche Fülle von Musikern ausgebildet.
Piazzolla, so hat dessen Mitschüler Daniel Barenboim berichtet, wurde von Nadia Boulanger davon abgebracht, weiterhin klassische Musik zu komponieren. Er solle sich besser der Volksmusik seiner Heimat widmen. Der gestrengen Dame durfte man nicht widersprechen, und so formte Piazzolla den Tango zu einer Kunstform um, die sich - ähnlich dem Walzer oder dem Csardas - in der Klassik einnistete.
Sauberes Spiel, anarchische Gefühle
Dem "Concierto para Quinteto", den "Jahreszeiten in Buenos Aires" ("Estaciones Portenas") und der "Fuga y Mistrerio" (aus Piazzollas einziger Oper "Maria de Buenos Aires") rückt das Artemis Quartett mit messerwetzender Präzision und glühendem Strukturwillen zu Leibe. Nicht Piazzolla wird dabei klassischer, sondern die Klassik wird sperriger, passionierter und dreckiger.
Schon Nikolaus Harnoncourt sagte über die klassische Musik, der "Schmutz", also die Nebengeräusche, das Glucksen und Zerren der Instrumente, sei musikalisch immer das Schönste. Dies lösen die Artemisse (hier in alter und neuer Besetzung) mit Übergenauigkeit ein. Je sauberer das Spiel, desto anarchischer die Gefühle.
Man gewinnt den Eindruck, in einen geschlossenen Kosmos reizvoll rigider Erotik-Regeln einzudringen: Benutz mich, beschmutz mich, lieb mich! Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
Die CD ist daher ideal für Klassik-Hasser, die merken, dass jede tiefe Abneigung die Vorstufe der Liebe ist. Und dass Liebe ohne Tragik langweilig wäre.
CD The Piazzolla Project. Artemis Quartett, Jacques Ammon (Klavier). Virgin Classics