Klassik-Tipp: Auf wehe Weise schön - DER SPIEGEL
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Klassik-Tipp Auf wehe Weise schön

Ein etwas zu schneller Dreh am Rad des iPods und schon eröffnet sich eine neue Welt: Die Altistin Kathleen Ferrier singt britische Volkslieder unerwartet stimmungsvoll und ungemein aufrichtig - genau richtig für eine besinnliche Bahnfahrt.
Von Joachim Kronsbein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein zu schwungvolles Drehen am Steuer-Rad des iPods, und statt der erwarteten Musik ertönt plötzlich etwas ganz Unerhörtes – und es ist viel besser, passender und auf wundersame Weise richtiger als das, was eigentlich laufen sollte.

Neulich, es war so ein Tag, der sich nicht entscheiden konnte, ob er noch dem Sommer zugeschlagen werden sollte oder doch schon im Herbst verbucht werden wollte, fuhr ich mit dem IC von Berlin zurück nach Hamburg. Ich hatte ein Abteil allein für mich. Es gab diese alten, leicht muffig riechenden Plüschsitze, der Zug hielt des Öfteren, etwa in Ludwigslust und Bergedorf. Die geruhsame Variante des Reisens.

Die Hauptstadt lag längst hinter uns, die unspektakuläre brandenburgische Landschaft zog vorüber. Bäume, Wiesen, Kühe und Schafe.

Und der schwungvolle Dreh am Rad ergab ein eigenartiges Hörerlebnis. Aus den Kopfhörern strömte unerwartet die warme, leicht belegt klingende Stimme der britischen Altistin Kathleen Ferrier. Deren berühmte Aufnahme der "Songs of the British Isles", die Volkslieder von den britischen Inseln, hatte ich einmal vor Wochen in die Musikbibliothek überspielt, aber noch nie angehört.

Und diese in einem angenehm altmodischen Sinne warmherzige Stimme sang nun – vor über 50 Jahren aufgenommen – die großen Klassiker des britischen Volkslieds. Schlicht, ungekünstelt, ja, geradezu aufrichtig. Und kaum etwas hätte besser an diesem späten Nachmittag in diese schlichte, unaufgeregte deutsche Landschaft gepasst.

Kathleen Ferrier (1912 bis 1953) hatte eine große, wenn auch tragisch kurze Karriere. Sie arbeitete lange als Telefonistin, gewann überraschend einen Gesangswettbewerb und erreichte in nur einem Jahrzehnt Weltruhm. Als sie ihn errungen hatte, starb sie an Krebs.

Sie sang Bach und Händel, war Glucks Orfeo und fand später auch zu Mahler. Ihre Aufnahmen sind nicht zahlreich, bei Kennern aber Teil des Kernbestandes ihrer Sammlung. Der Nachmittag mit Kathleen Ferrier war melancholisch. Aber auf wehe Weise schön.


Kathleen Ferrier: "Songs of the British Isles" (Naxos)