Klassik-Tipp Automatisch virtuos
Wer ihn heute auf Fotos sieht, meist im tadellosen Anzug, unter dem gepflegtem Schnurrbart oft eine Zigarre und gern ein behäbiges Lächeln auf den Lippen, der könnte Artur Schnabel (1882 bis 1951) eher für einen Bankdirektor halten. Doch das Kapital, das der 1933 nach England, 1939 dann in die USA emigrierte Pianist hütete, war ein ideelles Vermögen: Niemand trat wie er für künstlerische Substanz ein.
Schnabel, das hieß Qualität: Mozart, Beethoven, Brahms oder die lange vergessenen Sonaten von Franz Schubert, immer stellte der hochgebildete Interpret nicht Akrobatik oder pseudo-romantischen Gefühlsüberschwang, sondern das Wahre und Große der Tonkunst ins Zentrum seiner Konzerte.
Um so überraschender, was nun zutage kommt: Aufnahmen von 1905 für ein automatisches Klavier der legendären Firma Welte, die dank Spezialisten-Wissen auf einem heutigen Steinway erklingen.
Schon dass es solche Dokumente gibt, muss Kenner entzücken. Aber auch was der junge Schnabel damals spielte, lässt aufhorchen: Neben Bach, Brahms und Schubert sind es Wiener Walzer von Strauß und Lanner, dazwischen dreimal Chopin Virtuosenstücke der vorletzten Jahrhundertwende, die der Schüler des großen Wiener Pianistenmachers Theodor Leschetizky denn auch gehörig ausreizt. Da wird eine Etüde ganz buchstäblich zum munteren Eilgalopp der Finger, und sentimentale Melodien scheut der junge Mann offenbar ebenso wenig.
Wollte Schnabel sich also doch einmal anbiedern? Wer näher hinhört, wird es verneinen. Denn im Detail erweist sich Schnabel als Substantialist: Straußens Walzer Dorfschwalben aus Österreich gerät ihm zum noblen Klassiker mit raffiniert orchestralem Unterbau, und auch an Carl Maria von Webers Aufforderung zum Tanz zeigt er mit souveräner Dramaturgie, wie elegant das Stück gebaut ist.
Schon aus diesen kostbaren Lochstreifen-Rollen also ist zu ahnen, welchen Part er einmal spielen sollte: den des Lehrers, dessen Musikalität Maßstäbe gesetzt hat. Kein Wunder, dass Schnabels Aufnahmen trotz ihrer archaischen Klangqualität immer wieder neu aufgelegt werden; so ist jüngst eine reichhaltige Box mit Mozart-Stücken erschienen.
Es sieht ganz danach aus, als ob der schnurrbärtige Apostel des Echten seine Vorbildrolle noch geraume Zeit weiterspielen wird gewiss nicht zum Schaden der Musik.
CD The Welte-Mignon Mystery Vol VII: Artur Schnabel (Tacet); Schnabels Mozart-Aufnahmen, entstanden für die EMI und live 1934 bis 1948, sind als 5-CD-Box beim Speziallabel Music & Arts erschienen