Klassik-Tipp: Listig-lyrische Skandinavienreise - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Klassik-Tipp Listig-lyrische Skandinavienreise

Die Klarinettenkönigin Sabine Meyer nutzt ihre Ausnahmestellung für kluge Entdeckungsfahrten: Diesmal heißen ihre Reiseziele Skandinavien und virtuose Frühromantik – und beide Male ist ein kongenialer Solopartner dabei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klarinettisten haben’s beim klassischen Repertoire schwer: Die paar guten Konzertstücke lassen sich an zwei Händen aufzählen, Sonaten oder gar Solostücke sind rar, und selbst Kammermusik ist dünn gesät. Doch solche Schwierigkeiten haben Sabine Meyer, Deutschlands emsigen Branchenstar, noch nie eingeschüchtert. Erst im Frühjahr blies sie mustergültig vor, was für Zaubereien Frankreichs Komponisten immer wieder für ihr Instrument ausgeheckt haben; nun bringt sie gleich zwei neue CDs heraus, die genauso horizonterweiternd wirken könnten.

Der Däne Carl Nielsen (1865 bis 1931) etwa hat den Star-Einsatz allemal verdient. Sein Konzert von 1928 ist eine verblüffend zwischen allen Stil-Stühlen sitzende und doch keineswegs epigonale Angelegenheit. Mit einem Fugato geht es mitten hinein, und dann wechseln die Emotionen im Hochgebirgstempo von sonnig bis verhangen und zurück – wie bei einem Troll, erklärte der listige Skandinavier einmal selbst. Lyrisch-zarte Momente werden von nervöser Trommel-Dramatik unterbrochen, und immer wieder darf der Klarinettist halsbrecherische Solopassagen bewältigen: All das klingt so packend, als laufe ein innerer Seelenfilm auf Hochtouren. Dass der Berliner Meisterflötist Emmanuel Pahud vorher gleich noch Nielsens ebenso virtuoses, wenige Jahre früher entstandenes Flötenkonzert beisteuert, macht diese Aufnahme zu einem schönen Ausflug gen Norden.

Auch im anderen Fall hat sich Sabine Meyer den idealen Partner gewählt. Mit ihrem erst 18-jährigen Kollegen Julian Bliss stellt sie ein Doppelkonzert von Franz Krommer vor, das in fröhlichen Terzenläufen die Erleichterung von 1815 nach dem Ende der Freiheitskriege spiegelt und auch im Mittelsatz melodiöse Duo-Stimmung aufkommen lässt. Dazu spielen die beiden Könner je eines der Solo-Konzerte, die der junge Louis Spohr noch vor Napoleons Feldzügen durch Europa auf Bitten des Klarinettisten Johann Simon Hermstedt schrieb. Die raffinierte Munterkeit dieser Stücke ist bei Meyer und Bliss in so versierten Händen, dass man sich bald eine Fortsetzung ihres gelungenen joint venture mit den anderen beiden Spohr-Konzerten wünscht.


CD: Carl Nielsen: Konzerte für Klarinette und Flöte. Sabine Meyer und Emmanuel Pahud, begleitet von den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle (EMI Classics).

CD: Franz Krommer: Konzert für zwei Klarinetten / Louis Spohr: Klarinettenkonzerte Nr. 4 und 2. Sabine Meyer und Julian Bliss, begleitet von der Academy of St. Martin in the Fields unter Kenneth Sillito (EMI Classics).