Klassik Verjüngter Altmeister
Fast scheint es, als sei ein Virus am Werk oder gar geheime Absprache. Aber in Sachen Beethoven nützen Verschwörungstheorien wohl kaum. So stehen Verehrer seiner Klaviersonaten diesen Herbst vor einer besonders kniffligen Wahl: Welcher von den drei neuen Gesamtaufnahmen sollen sie den Vorzug geben? Da ist zum Beispiel der Brite Paul Lewis, 32, ein Schüler von Alfred Brendel. Klug beginnt er seinen Zyklus mit der vielschichtigen Mitteltrias Opus 31 - und überzeugt auch diesmal durch packende, luzide, dramatisch ausgefeilte Interpretationen, ein junger Altmeister sozusagen.
Weit eher hätte der Allrounder András Schiff, 51, Anrecht auf diesen Titel. Aber als wollte er alles Magistrale unterlaufen, setzt der begnadete Ungar auf überraschende, flackernde Akzente, bremst hier zart ab und lässt dort die Melodie strömen. Spontan, möglichkeitsoffen, jedenfalls nicht gemeißelt soll es klingen; deshalb bevorzugt Schiff auch Live-Mitschnitte, bei denen er obendrein zwischen dem schärfer klingenden Steinway-Flügel und einem bassstarken Bösendorfer wechselt.
Ganz zur Kür wird ihm sein Projekt dennoch nicht, weil er brav enzyklopädisch mit Beethovens Debüt-Sonaten anfängt. Anders sein Altersgenosse Gerhard Oppitz. Seit vielen Jahren unter den Solidesten im Fach, entdeckt der Virtuose nun ausgerechnet am Neuen Testament der Klavierliteratur eine vernachlässigte Seite: das Sinfonische. Lustvoll wider den Trend zum harten, analytischen Ton lässt er im satt nachhallenden Neumarkter Reitstadel schimmernd-pastose Gemälde aus Klang entstehen, mal grüblerisch, mal verwegen, stets jedoch überzeugend in ihrer Geschlossenheit - eine reife Leistung in jedem Sinne. Drei Könner, drei Stile und mindestens zwei Überraschungen: Bisweilen fördert die Qual der Wahl eben auch ungeahnte Erkenntnisse ans Licht.
CDs
"Sonaten Opus 31 Nr. 1, 2 und 3" mit Paul Lewis (Harmonia Mundi);
"Die Klaviersonaten, Volume 1: Opus 2, Nr. 1-3 und Opus 7" mit András Schiff (ECM);
"Klaviersonaten Vol. 1: Opus 10, Nr. 1-3 und 'Pathétique' Opus 13" mit Gerhard Oppitz (Hänssler Classic).