Kontrabass-Revolutionär: Der den Löwen streichelt - DER SPIEGEL
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Kontrabass-Revolutionär: Der den Löwen streichelt

Foto: Fabio Falcioni

Kontrabass-Revolutionär Der den Löwen streichelt

Der Mann hat das Kontrabassspiel revolutioniert: Stefano Scodanibbios Stücke begeistern Avantgarde-Fans weltweit, auch John Cage und Luigi Nono schwärmten für ihn. Nun spricht der Virtuose sogar mit Licht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Leise, ganz behutsam, kaum wahrnehmbar begann er: Stefano Scodanibbio streichelte seinen Kontrabass mit allergrößter Vorsicht, als sei er ein Dompteur, der einen schlafenden Löwen wecken will. "Voyage That Never Ends" nannte er seine Eigenkomposition, die er an diesem Abend an einem ungewöhnlichem Ort entstehen ließ: ein "Work in Progress", lebendig, atmend, ganz ähnlich wie die unendlich langsam sich verändernden Farben der Umgebung. Denn Scodanibbio spielte inmitten der Lichtinstallation "Bridget's Bardo", mit der der Künstler James Turrell seit Wochen die Besucher des Kunstmuseums in Wolfsburg entzückt.

Die sich nahezu unmerklich verändernden und kraftvoll leuchtenden Farben in Turrells hermetischem Raum inspirierten den Kontrabassvirtuosen Scodanibbio zu fließendem, variantenreichem Spiel, das nicht die Farbinszenierung illustrierte, sondern deren Idee des kontinuierlichen inneren Wandels aufgriff und interpretierte. Vergleichbare Wandlungen in Rhythmus und Klang erspürte Scodanibbio durch eine konzentriert tastende Konversation mit seinem Instrument. Manches war auskomponiert, vieles sicher improvisiert.

Lust auf eine unendliche Reise

Bogenstrich, Zupfen, Klopfen, Saitenmassage zwischen Hingabe und Kontrolle, immer klangsinnlich, mal wie ein swingender Jazzer, mal wie ein Organist: Stefano Scodanibbio erforschte die Grenzen seines Instrumentes, dennoch wütete hier kein Berserker der Dekonstruktion. Die Reise, zu der er aufgebrochen war, blieb das Thema. Ende offen.

James Turrells hypnotisch schwebende, suggestive Lichtlandschaft erfuhr eine klangliche Öffnung, analog der hinteren Wand jenes Raumes, die gar keine ist - nur Licht und Farbe, scheinbar unendlich. Eine wunderbare Entsprechung zu Scodanibbios "Voyage".

Als der Musiker nach knapp 50 Minuten aufhörte, hätte die Reise gern noch weitergehen dürfen. Zumal der Beifall, der sich zu einem Jubel steigerte, fast wie ein Sakrileg wirkte inmitten der intimen Stimmung.

Stefano Scodanibbio wurde 1956 im italienischen Macerate geboren, entdeckte neue Spielarten für den klassischen Kontrabass und begeisterte mit seiner Technik vor allem zeitgenössische Komponisten. So unterschiedliche Künstler wie Vinko Globokar, Yannis Xenakis und Fred Frith komponierten für ihn, mit Luigo Nono, Giacinto Scelsi und Markus Stockhausen arbeitete er intensiv zusammen.

Scodanibbio ist nicht nur Interpret: Er komponiert und dirigiert mit gleicher Lust und Kreativität. Seine jüngste CD jedoch ist dem Avantgarde-Komponisten John Cage (1912-1992) gewidmet: "Dream" (Wergo) vereinigt Werke des Musik-Innovators, die zwischen 1948 und 1985 entstanden.

Klang-Abenteuer mit hypnotischen Melodien

Kernstück des Albums ist der meditative Titel "Dream", der mit stoischer Ruhe Klangwirkungen des Basses und sparsame, hypnotische Melodien verknüpft. So verspielt Scodanibbio in seinen eigenen Stücken die Klänge mäandern lässt, so streng setzt er die Ideen von Cage um. Der bezieht wie kein zweiter Komponist die Persönlichkeit der Musiker mit ein - ohne einen starken Interpreten wie Scodanibbio ließen sich die Werke von "Dream" kaum realisieren.

"John Cage will immer wieder bei null anfangen. Er will Bewusstsein schaffen für alles, was klingt. Will aufmerksam machen auf die unzähligen Wunder, die jeden Tag überall wahrzunehmen sind…", schrieb Dirigent und Moderne-Spezialist Ingo Metzmacher über Cage.

Scodanibbio hat mit seinem Spiel die Entsprechung geschaffen: "Dreams" ist keine CD zum Träumen - hellwach sollte man sein, wenn man sich auf dieses Klang-Abenteuer einlässt.


CD "Dream / John Cage" (Wergo 6713 2) Stefano Scodanibbio/Kontrabass/Ltg. Fabrizio Ottaviucci/Klavier u.a.