Kultmusical Verdammt lang Hair
Zehntausende Anti-Kriegs-Demonstranten überschwemmten Washington, der Hurrikan "Beuleah" fegte durch Texas, Disneys "Dschungelbuch" juxte durch die Kinos und im Ort Smyrna in Georgia wurde ein Baby namens Julia Roberts geboren. Die Blätter welkten, und auf einmal war er vorbei, Amerikas "Summer of Love", zu dem die Blumenkinder nach San Francisco geströmt waren, zu freier Liebe und freien Drogen. Es war Herbst. Es war 1967.
Der symbolische Schlusspunkt jener sorglosen Ära, die bald in den Doppeltraumata von Vietnam und Watergate ersticken würde, wurde jedoch in Manhattan gesetzt. In der alten Astor Library, einem Ziegelbau im East Village, der gerade zum Off-Broadway-Theater umgebaut worden war. Sein Intendant Joseph Papp, der Gründer des New York Shakespeare Festivals, wagte zur Eröffnung etwas ganz Besonderes - und wenig Shakespearischehaftes.
Es war ein wüstes Musical aus der Feder von drei Hippies, voll nackter Haut und langen Haaren. "Hair" hatte am 17. Oktober 1967 Premiere. Die überwiegend bürgerlichen Zuschauer mittleren Alters waren konsterniert, die Kritiker alles andere als begeistert. Doch "Hair" wurde zum weltweiten Kult-Fanal einer Generation.
Ende September, 40 Jahre später, tanzten sie noch einmal durchs Open-Air-Theater im Central Park, für drei umjubelte Jubiläums-Abende, die Hippies und Peacenicks mit ihren Batik-Kleidern, Stirnbändern und Afros. "Let the sunshine in" sangen sie im Chor mit dem Publikum, in dem sich auch ein paar ergraute Ex-Hippies fanden (inzwischen gut genährte Investmentberater), doch mehr noch junge Kids, die 1967 nicht mal geboren waren, mit iPods und Designer-T-Shirts. An den Keyboards auf der Bühne rockte Galt McDermot, der Komponist. Sein weißes, schütteres Haar war sorgfältig über die Stirnglatze gekämmt.
Schlachtruf der Friedensbewegung
So geht das mit Haaren - und Hits, die einst mal so zeitkritisch waren, so provokant und kontrovers. Haschisch? Gruppensex? LSD-Trips? Das Zeitalter des Wassermanns? Vier Jahrzehnte später kann man darüber nur mit den Schultern zucken. Die besten Songs aus "Hair" dümpeln seit langem durch YouTube, wo sie mit Britney Spears neuestem Selbstzerstörungsvideo konkurrieren, etwa dem, wo sie sich die Haare abrasiert.
Und doch: Irgendwie berührt "Hair" auch heute noch, macht einem Gänsehaut. Vielleicht ist es die Lollipop-Musik mit ihren Schmalztexten, so infektiös wie damals. Vielleicht der Wunsch nach Flucht vor den Plagen dieser Welt, sei es auch nur für einen kurzen Acid-Augenblick. Vielleicht die Geschichte des Pazifisten, der wider Willen in den Krieg zieht und im Sarg heimkehrt.
Komponist MacDermot war damals mit 38 der älteste im Trio. Gerome Ragni und James Rado, die das Buch schrieben, waren 25 und 28, zwei Schauspieler auf der Suche nach sich selbst. In einem Theater-Workshop waren sie auf die Idee gekommen, ihre Gegenkultur auf die Bühne zu bringen. Papp hatten sie an der Yale-Universtität kennengelernt, die ihrerseits von der Hippie-Bewegung aufgerüttelt wurde.
Die Produzenten verstanden "Hair" als die "stärkste Anti-Kriegs-Erklärung, die je verfasst wurde". Ein ziemlich hochtrabender Anspruch, der sich in jenen Worten bündelte, die zum Schlachtruf der Friedensbewegung wurden: "Wehrpflicht ist, wenn Weiße Schwarze zum Kampf gegen Gelbe schicken, um ein Land zu verteidigen, das sie den Roten geklaut haben."
Sodomie, Fellatio, Cunnilingus
Doch der Vietnamkrieg würde noch acht Jahre weitergehen, und die Botschaft von "Hair" blieb zu naiv für eine wahre Revolution (und seine Musik zu konventionell für eine Broadway-Revolution). In "Hair" ging es eher um die inneren Wirren einer Hippie-Clique als um größere gesellschaftspolitische Verwerfungen. So passt es denn auch kaum zur heutigen Kriegsdebatte - so nahe die Idee auf den ersten Blick auch liegt.
Darüberhinaus hatte die Story der WG aus Claude, Berger, Sheila, Woof, Jeanie, Hud, Crissy und Dionne keine Handlung. Nur wilde, psychedelische Szenen und 38 meist kurze Songs mit den Motiven der Flower Power: Rebellion, sexuelle Freiheit, Toleranz, Liebe zwischen den Rassen, Hare Krishna, Drogen.
Das Libretto war ein Lexikon der Szene-Schlüsselworte: Aquarius, Yogi, Tätowierungen, Harlem, Polanski, Bukowski, Peace, Grateful Dead. Der Song "Hashish" war nichts als eine Aufzählung von Drogen, gefolgt von "Sodomy", einer Liste sexueller Praktiken: Sodomie, Fellatio, Cunnilingus, Masturbation, Kama Sutra. Die Zensoren waren außer sich.
Heute rührt das im Theater hier keinen mehr. Nur im US-Fernsehen, da schlagen die Sittenwächter gleich Alarm, wenn einem Pop-Star der gepiercte Nippel entschlüpft oder einem Talkshow-Gast ein unzüchtiges "fuck".
Fröhlich, locker, groovy
Trotz lauwarmer Kritiken - die "Village Voice" bekrittelte den "nackten Opportunismus", die "New York Times" fand die Show "nur ziemlich gut" - wurde "Hair" zum internationalen Mega-Erfolg. Es wanderte an den Broadway, wo es für 1873 Vorstellungen lief, und von dort aus um die Welt. Jenseits von New York folgten die erwarteten Pseudo-Kontroversen: Boston und Chattanooga verweigerten wegen der Sex-Szenen die Produktion, in London gab es Bombendrohungen. In München wurde Donna Summer mit "Hair" zum deutschen Superstar - nebst Jürgen Marcus und Su Kramer. Der Kinofilm von Milo Forman mit Beverly D'Angelo und Treat Williams war 1979 ein Instant-Klassiker.
Heute wirkt "Hair" brav und inkonsequent, eine bunte Klischee-Zeitkapsel der sechziger Jahre. Das Album mit seinem orange-grünen Cover gehörte immer schon in den Plattenschrank jeder Spießerfamilie, die den Freunden zeigen wollte, dass auch sie sich mal gehen ließ.
Am Ende bleibt die Musik - flockig, groovy, zum Mitsummen für alle. Und mit Versen, deren kindischen Universalanspruch auch 40 Jahre später noch jedes Rebellenkind versteht: "Perlen, Blumen, frei sein, glücklich sein!"