Laurent Garnier: Weg vom BummBummBeat - DER SPIEGEL
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Laurent Garnier Weg vom BummBummBeat

Die Komponenten, aus denen Techno einst entstand, verdrängen ihn jetzt wieder. Beispiel: "Unreasonable Behaviour" von Laurent Garnier, bei dessen Label auch "Flat Beat" veröffentlicht wurde.
Von Holger Erdmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Leute wie Sven Väth, Carl Cox oder eben Laurent Garnier  haben Techno miterfunden und als Musikrichtung etabliert. Disco, Funk und Synth Pop war die Musik ihrer Jugend - das sind die Komponenten, aus denen Techno entstand. Das Interessante daran ist, dass das auch die Komponenten sind, die den "reinen" Techno mehr und mehr verdrängen. "Unreasonable Behaviour", das neue Album von Laurent Garnier, ist ein interessantes Beispiel für diese "Post-Techno-Musik".

Innerhalb des gängigen Techno scheinen die Variationsmöglichkeiten weitestgehend ausgereizt. So ist es nur logisch, dass diejenigen, die sich am längsten und intensivsten mit Techno beschäftigt haben, ihn auch als Erste hinter sich lassen werden. Laurent Garnier zeigt auf seinem neuen Album einige neue musikalische Ansätze, die mit dem Gefühl der "Vor-House-Achtziger" und der Technik des Jahres 2000 die Keimzelle eines neuen Stils sein könnten.

Dieses Konglomerat aus "traditionellen" Einflüssen einerseits und Aufbruch zu neuen Ufern andererseits lässt sich auf "Unreasonable Behaviour" an zwei Komponenten besonders deutlich erkennen: der Diversifizierung der rhythmischen Elemente, weg vom einem großen BummBummBeat hin zu vielen feinen Groove-Bestandteilen, und der größeren Tiefe der Tracks. Garnier beschränkt sich nicht nur auf eine Rhythmus- und eine Melodieebene, sondern geht mit diversen in- und miteinander verwobenen Ebenen weit darüber hinaus.

Die damit einhergehende Art des Arrangierens ist in vielen anderen Musikrichtungen geläufig, im (Ex?)-Techno hält sie erst im Zuge der momentanen Veränderungen Einzug. Eine Auswirkung dieser neu/alten Art, die einzelnen Elemente anzuordnen, ist eine größere Dynamik innerhalb der einzelnen Tracks. Das geht natürlich zu Lasten der eigentlichen Techno-Tugend, der hypnotischen Monotonie. Gelegentlich geht Garnier sogar dazu über, tatsächliche oder simulierte Naturinstrumente einzusetzen. Auch die Stimme als Klangquelle ist wieder auf dem Vormarsch, und nicht nur das, im Titeltrack spricht Garnier sogar etwas, das man als Essay über Funktion und Geschichte von Techno bezeichnen kann. Im letzten Track, dem Jean-Michel-Jarre-haften Stück mit dem pathetischen Titel "Last Tribute From The 20th Century", lässt er seine Freundin ein Loblied auf New York, Detroit und Chicago sprechen und ist nur noch um Haaresbreite vom Radio Pop entfernt.

Garnier gründete 1993 sein Label "F Communications". So kam es, dass sein größter kommerzieller Erfolg gar nicht von ihm, sondern seinem Videomacher Quentin Dupieux kam: Der veröffentlichte bei Garniers Label eine an und für sich eher uninteressante Single namens "Flat Beat". Doch das Video dazu, mit dem kleinen, wild ravenden, bärenartigen Geschöpf namens Flat Eric, katapultierte (auch dank Levis' Werbeeinsatz) die Single hoch in die Charts.

Da kann Garnier sich ruhigen Gewissens musikalischer Feldforschung widmen und auf "Unreasonable Behaviour" mit einem beinahe zehnminütigen, schwer jazzigen Saxophonsolo überraschen. Oder mit astrein aufgenommenem Vogelgezwitscher - wer hätte gedacht, dass darin dereinst die Zukunft des Techno liegen könnte?

Laurent Garnier: "Unreasonable Behaviour"