Lemonheads-Comeback Drogen, na und?
Ob Evan Dando irgendetwas an seiner Karriere bereut? "Na ja, ich hätte damals in Glastonbury pünktlich auf der Bühne stehen sollen." Das war 1995: Während Dandos Fans beim traditionsreichen britischen Rockfestival in Glastonbury auf den Auftritt seiner Band The Lemonheads warten, vergnügt sich der Sänger in einem Hotelzimmer mit Crack, einem Model und einer Sängerin.
Lemonheads-Boss Dando: "Aber es war lustig"
Foto: UniversalStunden später steht er dann doch auf der Bühne, mit Kleinmädchenzöpfen und einem Sommerkleidchen. Eigentlich wären die TripHop-Melancholiker von Portishead dran, deren Fans buhen und schmeißen mit Flaschen. "Aber ich habe immerhin mein ganzes Set gespielt", erinnert sich Dando, "die Flaschen habe ich zurückgeworfen und die Portishead-Fans 'verdammte Hippies' genannt. Sie hatten wohl Angst vor mir. Nun ja, es war kein großer Moment." Evan Dando grinst in sich hinein. "Aber es war lustig."
So gelassen geht Dando um mit einer Episode, die rückblickend wohl der Wendepunkt in der Geschichte vom Aufstieg und Fall der Lemonheads war. Nach drei vor allem im Punk- und Hardcore-Underground gefeierten Platten wurde die Band im Grunge-Boom der ersten Hälfte der neunziger Jahre populär, dank der grandiosen Alben "It's A Shame About Ray" und "Come On Feel The Lemonheads". Verglichen mit den selbstquälerischen Songs von Nirvana waren die Lemonheads dabei aber stets auch etwas für sonnige Gemüter. Country-Anklänge durchzogen den melodiösen Punk-Pop der beiden Erfolgsalben, und die Stimme von Evan Dando klang immer so, als könnten ihm die Schlechtigkeiten des Lebens wenig anhaben.
Dauer-Drogenpatient Dando
Zudem sah Evan Dando unverschämt gut aus. Er wirkte mit seinen langen blonden Haaren mehr wie ein Surfer als wie ein nachtaktiver Rocker. Das brachte ihm viel Bewunderung ein - eine Zeit lang war Dando die Galionsfigur des amerikanischen Teenie-Magazins "Sassy" -, aber auch Neid (der junge Australier Ben Lee schrieb ein Lied namens "I Wish I Was Him") und sogar Hass (es gab ein Fanzine namens "Die, Evan Dando, Die"). Nach Kurt Cobains Selbstmord war Dando dessen Nachfolger und Gegenentwurf zugleich.
Doch mit der Zeit überlagerte sein Promi-Status immer mehr die Musik. Speziell in England wurde Dando ein Dauerthema in den Klatschspalten: Er verdingte sich als kumpelhafter Roadie bei Oasis, sagte Pressetermine mit taktisch unkluger Ehrlichkeit ab ("Ich hatte zuviel Crack genommen und der Arzt riet mir, nicht zu sprechen, weil ich sonst meine Stimme verlieren würde. Die Lehre: Sag nie die Wahrheit über Drogen") - schließlich wurde er in Australien wegen Drogenbesitzes festgenommen, nach Amerika zurückgeschickt und dort in eine Entzugsklinik eingeliefert. Ähnlich wie heute Pete Doherty war Dando zur Karikatur des selbstzerstörerisch hedonistischen Rockstars geworden. Doch während Dohertys Ruhm sich heute fast ausschließlich aus diesem Image speist, bedeutete es seinerzeit das Ende von Evan Dandos Laufbahn.
Ziemlich unerwartet erhält diese dramatische Karriere nun doch noch einen weiteren Akt. Zehn Jahre nach "Car Button Cloth" ist dieser Tage ein neues Album der Lemonheads erschienen, schlicht "The Lemonheads" betitelt. Aufgenommen hat es Evan Dando zusammen mit den beiden Hardcore-Rock-Veteranen Bill Stevenson und Karl Alvarez von den Descendents, musikalisch knüpft es eher an die ungestümen Anfänge der Band an.
"Es fühlte sich wie eine Lemonheads-Platte an", sagt Evan Dando auf die Frage, warum er das Album nicht unter eigenem Namen veröffentlicht habe, so wie das etwas untergegangene Album "Baby, I'm Bored" von 2003. Außerdem habe ihn beeindruckt, dass es in Brasilien kürzlich ein Festival gab, bei dem die Bands ausschließlich Lemonheads-Songs coverten. "Mir wurde klar, dass ich viel Arbeit in den Markennamen Lemonheads gesteckt habe, und dass ich dem Vermächtnis noch etwas hinzufügen will. Natürlich sieht es jetzt so aus, als hätte ich das nur aus Vermarktungsgründen gemacht. Aber, hey, Iggy Pop findet den Bandnamen auch gut!"
Evan Dando wird bald 40 und sieht immer noch sehr gut aus, erst recht, wenn man seine Drogengeschichte berücksichtigt. Sein Haar ist voll, sein Lächeln ansteckend, nur ein Händezittern verrät, was Dando mit seinem Körper über die Jahre angestellt hat. Auf seinen Arm hat er den Satz "I was born to change the world" tätowieren lassen und eine kindlich anmutende Comicfigur mit Namen Mao dem "großen Vorsitzenden" ähnelt sie aber nicht im Geringsten. Seine Freude darüber, dass das neue Album so gut gelungen ist, wirkt echt, und seine Schwärmereien über Gastmusiker wie J. Mascis von Dinosaur jr. und Garth Hudson von The Band klingen wie die eines jugendlichen Fans.
"Ich wollte das nie"
Offensichtlich ist Evan Dando am Ende tatsächlich ein Sonnyboy, der sich nicht lange mit Grübeleien aufhält. "Ich bin glücklich damit, wie ich bin", sagt er. Bereitwillig erzählt er von seinen Jahren in der Obskurität, aber niemals gibt er den geläuterten Ex-Junkie. "Nein, Drogen haben meiner Ansicht nach einen Platz im Leben eines Künstlers. Ich hatte nur einfach genug davon." Seine Frau, das englische Model Elisabeth Moses, habe ihm geholfen, gesünder zu leben, und noch etwas anderes: "Zum Glück passierte der 11. September! Ich war wegen Trunkenheit und Ruhestörung angeklagt, und die Verhandlung sollte am 12. September 2001 sein. Nach den Anschlägen riefen sie an und sagten, ich bräuchte nicht zu kommen. Außerdem wäre ich dabei fast draufgegangen. Schließlich wohnten wir nur zwei Blocks vom World Trade Center entfernt. Da wurde mir klar, dass ich das Trinken lassen sollte."
An seine erfolgreichsten Zeiten wird Evan Dando mit dem neuen Album nicht anknüpfen können. Dazu bräuchte es schon ein Revival des Grunge- und Alternative-Rocks der frühen Neunziger. Dieses wäre zwar gemäß pophistorischer Logik nach dem Synthie-Pop und Post-Punk der Achtziger bald an der Reihe, aber bisher gibt es nur sehr vereinzelt Indizien dafür. "The Lemonheads" jedenfalls wird kein Revival anzetteln, dafür sind das Album und sein Schöpfer zu selbstgenügsam. "Diese Promi-Zeit war so seltsam", sagt Dando heute. "Ich wollte das nie. Alle Platten zusammen genommen, haben wir vielleicht 1,8 Millionen Exemplare verkauft. Und ich musste nie einen anderen Job machen. Das reicht mir."