Lenas Titelchancen: Schnapsidee? Sommerhit? Beides! - DER SPIEGEL
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Lenas Titelchancen Schnapsidee? Sommerhit? Beides!

Die "Mission Titelverteidigung" mag von Selbstüberschätzung zeugen - doch ohne sie wäre der Song Contest langweilig. Fest steht: Lena hat sich seit ihrem Eurovisions-Sieg vor einem Jahr wacker gehalten. Wird mehr von ihr bleiben als ein Gedeck aus Altbier und Lakritzlikör?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Oslo, 29. Mai 2010. Lena Meyer-Landrut hat den Eurovision Song Contest gewonnen, der zweite Sieg für Deutschland in der 55-jährigen Geschichte des Wettbewerbs. Auf einer Pressekonferenz sagt ihr Mentor Stefan Raab: "Wir haben im nächsten Jahr den Eurovision Song Contest, die Europameisterschaft im Singen, im eigenen Land. Und ich finde, es ist nichts natürlicher, als wenn wir wieder, im eigenen Land, den Titel verteidigen." Und Lena sagt: "Ja, ich wär dabei."

Dann grinst sie ihr verzücktestes Lena-Lächeln und fügt an: "Das war natürlich ein Scherz."

Wie wäre es weitergegangen, wenn es so gewesen wäre? Nach ein paar Wochen wäre "Satellite" aus den Charts gefallen und Lena hätte nach dem Abitur etwas Urlaub genossen. Ein zweites Album wäre aufgenommen worden mit Kompositionen aus dem Raab'schen Fundus, die Single daraus hätte Lena beim Song Contest 2011 in der Hamburger O2 World in einem Medley mit "Satellite" als Pausenfüller in der Abstimmungszeit gesungen. Deutschland hätte übrigens Platz 12 belegt, mit einem von ProSieben und der ARD gemeinsam gecasteten soliden Soulsänger.

Still und heimlich hätten Stefan Raab und Lena Meyer-Landrut ihre Zusammenarbeit nach dem mehr oder weniger gefloppten zweiten Album beendet. Lena hätte an eigenen Songs gearbeitet, zwischendurch immer mal wieder einen Auftritt in einem Prominentenquiz gehabt, im Rateteam mit Nicole - auf den hinteren Seiten der bunten Blätter wäre gelegentlich die Rede von einem Zickenkrieg zwischen den Eurovisions-Gewinnerinnen. Mit 23 hätte sie ein Studium der Kommunikationswissenschaften in Hannover aufgenommen, hernach würde sie alljährlich zum Song Contest befragt und ansonsten langsam aber sicher vergessen.

Unsterbliche Axt

Verglichen mit diesem Szenario ist die "Operation Titelverteidigung" bisher eigentlich ganz gut gelaufen. Man muss sich wohl noch einmal vor Augen halten, welche unglaubliche Euphorie um die damals 18-jährige Hannoveranerin vor einem Jahr herrschte, um zu verstehen, warum es zuletzt immer mehr kritische Stimmen gab, warum der Backlash geradezu unvermeidlich war.

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Lenas Karriere: Die Akte Axt

Foto: Cornelius Poppe/ DPA

Christian Wulff, der damals noch nicht ahnen konnte, dass er beim nächsten Eurovisionswettbewerb Bundespräsident sein würde, holte sein niedersächsisches Landeskind höchstpersönlich vom Flughafen in Hannover ab, vor dem Rathaus warteten 40.000 Fans, während Lena Meyer-Landrut sich mit den unsterblichen Worten "Wow, verdammte Axt. Ist das geil. Dankeschönst, Leni" im Goldenen Buch der Stadt verewigte.

Die Euphorie war echt in diesen Tagen. Nach dem Ende des Public Viewings auf dem Hamburger Spielbudenplatz liefen Grüppchen von jungen Mädchen durch die Straßen von St. Pauli und sangen ausgelassen "Love, oh love"; die Jungs hatten es eher mit fußballpatriotischen Chören, eingeübt seit der WM 2006.

Insofern stach ein Doppelporträt von Philipp Lahm und Lena im "Stern" heraus aus den zahllosen Hymnen, die auf die Sängerin nach ihrem Sieg von Oslo gedichtet wurden. Der Sportreporter Rüdiger Barth beschrieb den Nationalelf-Kapitän und die Sanges-Europameisterin als Vertreter der fast vergessenen Mitte der deutschen Gesellschaft, "das Herz, die Seele und die Lunge dieses Landes." Lena sei die Stimme der Jungen und Lahm ihr Anführer.

Es wird ernst

Eine Nachbarschaft, die dem Wettbewerbsfanatiker Stefan Raab gefallen haben dürfte. In den Wochen nach dem Song Contest durfte Lena Meyer-Landrut in fast keiner der Sendungen fehlen, die von Raab moderiert oder von der Firma Brainpool produziert wurden, die auch das Management von Lenas Karriere übernommen hat. Natürlich musste man sich die "Wok-WM" und Ähnliches nicht anschauen, aber ein gewisses Gefühl der Unentrinnbarkeit machte sich trotzdem breit in der Nation, spätestens als sie im November bei "Wetten, dass...?" auf dem Sofa saß und von ihrer Rolle als Synchronsprecherin eines Animationsfilms schwärmte.

Doch auch da war noch einiges übrig von dem Gymnasiastinnen-Charme, mit dem Lena einst das Land verzückt hatte, wenn auch mit einem Zug ins Backfischhaft-Schmollende gegenüber dem Geplauder von Thomas Gottschalk. Erst in der Preisverleihungs-Saison mehrte sich der Überdruss, als von der "Goldenen Henne" über die "Goldenen Kamera" bis zum "Echo" eine überkandidelt gestammelte Dankesrede auf die nächste folgte. "Aufhören!"-Rufe waren die Folge, ausgerechnet beim Musikpreis, auf dessen Gewinn sie besonders stolz war, weil sie als Künstlerin ausgezeichnet worden sei - ein Irrglaube übrigens, da die Echo-Gewinner nach Verkaufszahlen ausgewählt werden.

Derweil wurde es ernst mit der "Mission Titelverteidigung": In drei Shows sollte aus den Songs des zweiten Lena-Albums "Good News" der Titel für den Eurovision Song Contest in Düsseldorf ausgewählt werden. Es war ein Lena-Overkill, der das Publikum eher abschreckte: Die Einschaltquoten der ersten ProSieben-Sendung waren mau, in der zweiten wurden sie schwächer, ehe sie sich für die Entscheidungsshow in der ARD auf einen mittelmäßigen Wert berappelten. Stefan Raab äußerte im SPIEGEL  erste Selbstzweifel: "Kann auch sein, dass das mit der Titelverteidigung eine Scheißidee war."

Während "Unser Song für Deutschland" als Fernsehen enttäuschte, erfüllten die Shows dennoch ihren Zweck: Die Album-Promotion funktionierte und "Good News" stieg auf Platz eins in die Charts ein. Und mit "Taken By A Stranger" wurde der musikalisch interessanteste Song ausgewählt. Die etwas düstere Elektro-Pop-Nummer könnte beim europäischen Liederwettstreit Chancen auf einen guten Platz haben, gerade weil sie aus dem fröhlichen Einerlei herausstechen wird.

Lena-Gedeck aus Altbier und Lakritzlikör

Auf ihrer Konzerttournee wurde "Taken By A Stranger" jedenfalls angemessen bejubelt. Die Auftritte in einigen der größeren Hallen der Bundesrepublik, die unter anderem durch zehntausend Freikarten des Werbepartners Opel halbwegs gefüllt wurden, sollten Lena Meyer-Landrut als ernstzunehmenden Popstar präsentieren. Dass die Konzerte auf die Dauer doch etwas langweilten, liegt an dem Songmaterial von der Stange, mit dem Lena ihre beiden Alben füllen musste. Doch mit den großen Bühnen kam die 19-Jährige erstaunlich gut zurecht; ihre inzwischen professionellere, aber immer noch ungekünstelte Ausstrahlung wirkte.

Im Publikum waren viele 10- bis 16-jährige Mädchen aus gutbürgerlichen Haushalten, die sich vielleicht jemanden wie Lena als große Schwester wünschen. Am Gummibärchenstand wurde allem Anschein nach mehr Umsatz gemacht als an den Bierbars. Lena Meyer-Landrut hat seit kurzem eine neue Tätowierung, die den Edith-Piaf-Chanson "Je ne regrette rien" zitiert - so richtige Abgründe, die sie bereuen müsste, hat Lena aber wohl in ihrem Leben noch nicht erlebt; da ist sie nicht wilder als ihre Fans.

Vor dem zweiten Eurovisions-Auftritt in Düsseldorf versuchen nur Adabeis so etwas wie eine Euphorie vorzugaukeln: Rheinische Kneipenwirte bieten ein Lena-Gedeck aus Altbier und Lakritzlikör an, eine Bildhauerin aus Amrum werkelt an einer Lena-Wachsfigur, im Braunkohlebergwerk Garzweiler wurde ihr Schriftzug ausgebaggert. Ansonsten: Schulterzucken.

Aber für Lenas Karriere ist diese Stimmung möglicherweise gar nicht schlecht. Nach einer achtbaren Plazierung für "Taken By A Stranger" könnte sie es schaffen, ein ganz normaler Popstar zu werden. Einer, der immer mal wieder Hits hat. Auf ihrer Tournee spielte sie einen bisher unveröffentlichten Song der englischen Songwriterin Ellie Goulding, der das Zeug zum Sommerhit hätte.

Die "Mission Titelverteidigung" mag aus Selbstüberschätzung heraus geboren worden sein - aber ohne sie wäre es langweiliger geworden. Und Lena Meyer-Landrut hat sich in ihrem Jahr als Eurovisons-Gewinnerin sehr wacker gehalten.