Album der Woche mit Lizzo Schöner, stärker, geiler
Album der Woche:
Achtung, Triggerwarnung, jetzt kommt eine in diesem Zusammenhang ganz, ganz heikle Redewendung. Aber es nützt nichts, und Lizzo, die US-Sängerin und Rapperin, um die es hier geht, wäre wahrscheinlich die Erste, die allein über diesen sich windenden Textanfang laut lachen würde. Hofft man zumindest.
Also los, denn wir müssen über den sprichwörtlichen Elefanten im Raum reden: Alle lieben Lizzo für ihren Kampf um Body Positivity, ihren Humor, ihren furchtlosen Umgang mit ihrem »Big girl«-Körper, ihre Nacktfotos auf Instagram, ihre Castingshow, in der sie Plus-Size-Tänzerinnen castet , für die sie gerade eben eine Emmy-Nominierung bekam. Drei Grammys hat sie auch schon, und mit »Truth Hurts«, »Juice« oder ihrer jüngsten Single »About Damn Time« eine stattliche Anzahl Hits. Lizzo ist eine popkulturelle Wucht, eine wichtige Symbolfigur dafür, dass man nicht aussehen muss wie R&B-Topmodel Beyoncé oder Pornofantasien wie Cardi B und Nicki Minaj, um als afroamerikanische Künstlerin erfolgreich zu sein. Lizzo-Vorbild Missy Elliott kann darüber viele Verse rappen.
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Auf »Special«, von einem deutschen Musikmagazin bereits vor Erscheinen als eine der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahres bezeichnet, gibt sich Lizzo noch selbstbewusster als zuvor: schöner, stärker, geiler. Aber, und jetzt kommt endlich der »Elefant«, warum nur ist ihre Musik weiterhin so unterkomplex und generisch, fast schlagerhaft? Das war bereits bei ihrem ersten Popalbum »Cuz I Love You« ein Störfaktor, nun setzt es sich fort. Schon klar, die Message – Empowerment fülliger Frauen – mag nach wie vor wichtiger sein als die Musik, daher erscheint es logisch, eher auf größtmögliche Massenkompatibilität zu setzen als auf elektronische Experimente oder Avantgardistisches. Aber es nervt. Und es ist schade.
Der allzu dünne Ton wird gleich im ersten Stück »The Sign« gesetzt: Die Lyrics sind lustig und energisch, eine Kampfansage an alle Hater: »Hi motherfuckers, did you miss me«, fragt Lizzo kokett, um sich dann auf gewohnte Art über ihr Schwergewicht zu erheben: »I’ve been training so I can shake that ass«, rappt sie, »and I know you see me coming cause I’m thick«. Pfundig, aber der Sound dazu ist UK-Garage- und 2-Step, wie er in dieser Light-Variante wohl noch nicht mal mehr im britischen Nachmittagsradio gespielt wird.
»About Damn Time« ist die bereits erfolgreiche Disco-Hymne, in der dann auch Sasha Flute, Lizzos Flöte, zum Einsatz kommt. Die 34-jährige aus Detroit ist eine ausgebildete Musikerin, die einst von Prince in sein Studio zum Musizieren eingeladen wurde. In der Strophe kopiert sie die neckische Phrasierung von Wet Legs Indie-Hit »Chaise Longue«, und auch der Rest des Songs, produziert von Hitfabrikanten wie Benny Blanco und Ricky Reed, hat trotz aller Groove-Schubkraft wenig Eigenständiges. »Grrrls«, das Stück mit der vielfach kritisierten Verwendung eines ableistischen Begriffs in einer früheren Fassung, hat außer einem Sample des notorischen Beastie-Boys-Hits »Girls« musikalisch nicht viel aufzubieten.
Schlimmer sind aber die unter anderem von Max »Baby One More Time« Martin mitproduzierten Songs des Mittelteils, darunter »2 Be Loved (Am I Ready)«, »I Love You Bitch« (den Refrain sollte sich mal ein Mann trauen!) sowie mit »Everybody’s Gay« eine weitere Disco-Nummer: Hier gerinnt Lizzos Ermächtigungspop vollends zur Motivationsmusik, einem alle Diversitäten umarmenden Feelgood-Soundtrack zu Ranschmeißer-Beats- und Humpta-Hooks, perfekt fürs Seelen-Aerobic marginalisierter Bevölkerungsteile. »In case nobody told you today: you’re special«, formuliert Lizzo ihr Credo im Retro-Soul des Titelstücks. Schon toll, aber warum denn immer so dick aufgetragen?
Sobald die Botschaft zur Nebensache wird, bekommt das Album mehr Tiefe: »Naked« ist eine wundervoll beherzt gesungene Schlafzimmer- und Sexballade, die zwar Lyrics wie »I’m a big girl, can you take it?« enthält, aber das Wort »naked« auch mal über Körperdimensionen hinaus transzendieren lässt. Der beste Song ist ausgerechnet das Schlussstück mit dem unmöglichen Titel »Coldplay« (samt Sample): Denn hier geht es einfach um eine stinknormale Liebesgeschichte, nothing special, sondern allgemeingültiger, zwischenmenschlicher Gefühlskram, verpackt in schönen, beschwingt melancholischen Uptempo-R&B.
Lizzos Selbstinszenierung als gut gelaunter Wonneproppen, der musikalisch nicht anecken will, kann auch zur Falle werden, wenn sie zum Selbstzweck wird. Die schönste, stärkste, geilste Poputopie wäre es, wenn talentierte Künstlerinnen wie Lizzo nicht ihr physisches »Special«-Sein betonen müssten, um sich gegen medial produzierte Schönheitsdogmen zu behaupten, sondern ihre Musik, ihre Stimme, ihr Songwriting (über welche Themen auch immer) als besonders genug gelten darf. Es wäre about damn time. (6.0)
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Kurz abgehört:
Black Midi – »Hellfire«
Die turbulente Prozession, »Calvalcade«, des letzten Albums der britischen Jazz-Art-Progrock-Band Black Midi führt nun nur gut ein Jahr später schnurstracks ins »Hellfire« unserer miserablen, zerrütteten Zeiten. Schnurstracks (schönes Wort) auch deshalb, weil die 39 immer noch sehr hektischen Minuten dieses dritten Albums erstmals ein wenig Luft lassen, um so etwas wie Kohärenz oder gar: Songstrukturen erkennen zu lassen. Zum Beispiel im Hardcore-Derivat »Eat Men Eat« oder im postrockenden Groove von »Welcome To Hell«, in dem der eher deklamierende als singende Frontmann Geordie Greep einen Soldaten namens Tristan Bongo in den Krieg schickt. Ein Panoptikum an zeitgenössischen Mistfits und Madmen bevölkert auch die restlichen, fantasmagorisch-brutalen Lyrics. »Still«, die inzwischen obligatorische Ballade, schön mit Bläsern angereichert, taumelt zwischen exaltierterem Bowie und klassischen Flaming Lips. »The Race Is About To Begin« ist ein saures Bob-Dylan-Folk-Tale im Highspeed-Modus, »The Defense« und andere Songs des Albums wirken wie diabolisch durch den Noise-Fleischwolf gedrehte American-Songbook-Standards mit Greep als Wiedergänger hintersinniger Crooner wie Scott Walker. Es ist weniger das ungestüme Chaos, dafür mehr erzählerische Charakterformung. Ein musikalisches Höllenfeuer, das auch auf etwas kleinerer Flamme lichterloh brennt. (8.0)
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Dina Summer – »Rimini«
Welche Jahreszeit könnte sich besser eignen, um ein Album im nostalgischen Italo-Disco-Sound herauszubringen? Die Hitzewelle in Bella Italia ist zurzeit so schlimm, dass sogar schon der Gardasee angezapft werden musste, um der Trockenheit und Wasserknappheit zu begegnen. Die Gruppe um Dina Summer besteht aus dem international erfolgreichen DJ-Duo Local Suicide aus Berlin, das gerade sein sehr gutes Debütalbum »Eros Anikate« veröffentlicht hat, sowie dem Elektronik-Musiker und Frittenbude-Produzenten Jakob Häglsperger alias Kalipo. Der Clou: Die Lieblichkeit von Melodien, die an Italo-Klassiker von Miko Mission, Raf oder Righeira aus den Achtzigern erinnern, wird mit eiskaltem und minimalistischem Electro-Wave und Techno kontrastiert, pulsierende Sequencer-Sounds, synthetische Handclaps und die archetypischen E-Drums inklusive. Auf diesen retro-futuristischen Sound spricht Local-Suicide-Hälfte Dina Summer mit ebenfalls sehr unterkühlter Stimme und charmantem Akzent-Englisch sinnliche Domina-Ansagen. Manchmal auch auf Deutsch, wie im Eistonnen-Banger »Wunderbar«. Das perfekte Sommeralbum: In der Discoteca wird es schwitzig, aber das Gelato bleibt trotzdem gefroren. Amore! (7.9)
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Beabadoobee – »Beatopia«
»Beatopia«, sagt die auf den Philippinen geborene Musikerin Beatrice Laus aus London, sei der imaginäre Ort, an den sie sich gerne flüchtet, seit sie sieben Jahre ist: Ein Pixie-Wunderland, in das sich Laus vor Schülermobbing, später Rassismus, Familienstress und Depressionen flüchtete. Vor einigen Jahren wurde sie mit ihrem Song »Coffee« zum YouTube-, dann zum TikTok-Phänomen, die 22-Jährige veröffentlicht ihre Musik bei dem britischen Label Dirty Hit, das auch Generation-Z-Idole wie The 1975 oder Rina Sawayama unter Vertrag hat. Ihr hypersensibler Bedroom-Pop hatte jedoch bisher kaum Gegenwärtiges zu bieten: Lange dachte sie, sie müsse sich wegen ihrer frühen viralen Erfolge als Popversion der »Scott Pilgrim«-Comicfigur Ramona Flowers inszenieren und dürfte von ihrem Markenzeichen-Sound, schrammeliger Neunzigerjahre-Low-Fi-Rock, nicht abweichen. Entsprechend gehemmt klang ihr Debütalbum »Fake It Flowers«. Doch nun, zwei Jahre, eine Therapie und ein gemütklärender Lockdown später, lässt sie frische Luft, Folk-Pop (»Ripples«) und wohlklingende orchestrale Experimente in ihre Beat-Utopie. »The Perfect Pair«, einer der besten Tracks des Albums, überrascht mit sanftem Bossa-Rhythmus, Auch »Broken CD« swingt durch plötzlich weit offene Räume. »Tinkerbell Is Overrated« überschlägt sich mit psychedelischen Spielereien. Wenn der alte, laute Pavement-Fuzz wieder ins Spiel kommt, in »10:36« oder »Talk«, dann traut sich Laus zupackendere Hooks und bissigere Texte zu, als wäre sie ein zeitgemäßes Update von Avril Lavigne. Bestes Indiz, dass Beabadoobee allmählich bei sich selbst ankommt, ist die Abwesenheit ihrer gewohnten, bunten Haarfärbungen auf aktuellen Fotos. Schillern kann sie auch ganz natürlich. (7.6)
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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)
Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).
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