Ludwig-Premiere Es lebe der Kitsch
Füssen - Am Ende dieses zweieinhalbstündigen Theaterabends gab es stehende Ovationen. Aber was genau wurde da von den geladenen Gästen, zu denen das halbe bayerische Kabinett und die übliche Medienprominenz gehörte, eigentlich beklatscht? Die Freude darüber, eine der begehrten Premierenkarten für das Stück "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies" ergattert zu haben? Oder galt der Applaus tatsächlich der künstlerischen Arbeit?
Dem Kini, dessen Leben im neu gebauten Füssener Musical-Theater am Fuße des Forggensees in Szene gesetzt wurde, hätte der Abend ganz sicher gefallen. Das nicht enden wollende Händeschütteln und In-die-Kameras-Lächeln vor Vorstellungsbeginn, das Geklirre der Champagner-Gläser während der Pause und das abschließende Feuerwerk vor der angestrahlten Silhouette von Schloß Neuschwanstein - all das hätte beim König Wohlgefallen hervorgerufen.
Und vielleicht auch die Aufführung selber. Die kam als Mischung zwischen folkloristischer Operette und biederem Volkstheater daher. Mancher der Texte, die zwischen Ironie, aktuellen Anspielungen und waberndem Pathos schwanken, wird mit einem derart bayerischen Dialekt vorgetragen, dass man sich neben den eingeblendeten Untertiteln in Englisch, Französisch, Italienisch und Japanisch streckenweise auch eine deutsche Übersetzung gewünscht hätte.
Und immer wieder wird in Dirndln gejodelt, in Lederhosen gesteppt und in weiß-blauen Uniformen gewalzert, dass der Betrachter keine Sekunde vergessen kann, wo die Chose spielt: im alpenländischen Königswinkel, also tief in der Provinz.
Schwerer wiegt, dass die von Franz Hummel verfassten Kompositionen sich im wilden Plündern der Musikgeschichte erschöpfen und dabei keine eigenen Stimmungen entwickeln. Zwar verzichtet Hummel auf Schlager- und Pop-Zitate, die Anklänge an Puccini, Weill oder Wagner wirken dafür umso gefälliger. Noch schwerer wiegt, dass das Ensemble ausschließlich aus unbekannten Nachwuchskünstlern besteht. Die Folge: Gesanglich ist der Abend weitgehend eine Enttäuschung.
Am schönsten sind noch die magischen Bühnenbilder. Sie glänzen wie Postkarten und funkeln wie Seifenblasen. Ständig rotiert die Drehbühne, die sich mal in einen glitzernden Spiegelsaal verwandelt, dann wieder in ein pompöses Alpenpanorama oder eine blaue Grotte. Auch gibt es eine Ballon- und eine Schlittenfahrt mit zwei schneeumwehten Schimmeln sowie ein leider völlig verkitschtes Finale mit rauschenden Fontänen.
Die stärksten Momente dieser Inszenierung entstehen, wenn Regisseur Stephan Barbarino den Weltschmerz und die Menschenscheu des Bayernkönigs zu zeigen versucht. Denn interessant am Titelhelden ist ja nicht sein biografisches Leben, diese hinlänglich bekannten Begegnungen mit Wagner oder Bismark. Es sind seine Träume und Albträume als schwärmerischer Schöngeist, sein Liebeskampf zwischen Sissi, Sophie und Kainz.
Doch um Ludwigs blühenden Wahnsinn und seine unerfüllte Sehnsucht zu zeigen, fehlte Barbarino zumeist der Mut. Aber das muss wohl so sein bei einer Veranstaltung, über der vor allem der Geist des Fremdenverkehrsamtes schwebt.