Maazel-Tournee Eine Diva als Domina
Wer den Glamour-Boy in seiner Künstlergarderobe besucht - einem fensterlosen Hinterzimmer ohne Tisch -, der erschrickt. Mit totem Blick sitzt da ein 78-jähriger Großvater im Sessel. Er schaut nicht. Macht keinen Versuch, eine Begrüßung hinzubekommen. Man denkt, man müsse dem Greis einen kleinen Schubs geben, damit er angeht. Ist das etwa ein Sinnbild für die Klassik heute? Eine Garderobenbegegnung mit Lorin Maazel fühlt sich an wie ein unwillkommener Besuch in einem Altenheim.
Der da im Standby-Modus scheinbar vor sich hindämmert, war nicht nur ehemals eine der rasend talentiertesten Pult-Katzen des ganzen Dschungels. Bis heute gilt er als der provozierendste Grande der gesamten Branche. Die Londoner "Times" bezeichnete ihn kürzlich als den "herrischen", "gierigen" und "weithin verhassten Dirigenten der New Yorker Philharmoniker".
Tatsächlich, Maazel pflegt das Image eines autokratischen Maestros. Als die Berliner Philharmoniker es wagten, ihn nicht zum Nachfolger Karajans als Chefdirigent zu wählen, kündigte er ihnen offiziell die Freundschaft. Maazel soll als Erster die Eine-Millionen-Mark-Gagengrenze durchbrochen haben.
Wer ihn jemals am Pult erlebt hat, wird zugeben: Dieser Mann strahlt neben technischer Brillanz ein Maß an Gelangweiltheit, ja Blasiertheit aus, das heutzutage fast schon wieder einen Seltenheitsbonus verdient. Aber nur fast.
Im Gespräch sagt Maazel rundheraus: "Ich finde, die Maestros von heute sind viel zu lieb geworden." Er selber habe das Handwerk bei einem Mann wie Fritz Reiner gelernt, der während der Proben zu den Musikern höchstens den einen Satz sagte: "Du bist gefeuert." Maazel glaubt an nötige Führungsqualitäten des Dirigenten und beklagt unter jüngeren Kollegen einen fatalen Hang zur Manieriertheit. "Viele glauben, ein Grundrezept zur Interpretation gefunden zu haben. Sie ahmen sich selber nach. Daraus folgt, dass Dirigenten heute ihre Profilneurosen dirigieren und nicht mehr das Stück."
Das sind erfrischend waghalsige Worte, die zeigen, dass Maazel immer noch bissig ist. Seine Persönlichkeit mag nur Ergebnis einer schwierigen Geschichte sein. Mit neun Jahren wurde der musikalisch Frühreife als "Wunder des Jahrhunderts" angepriesen (von niemand geringerem als Leopold Stokowski). Mit elf Jahren (!) lud ihn Arturo Toscanini ein, das NBC Symphony Orchestra zu dirigieren. "Eine Karriere, wenn sie losgeht, hat etwas Überwältigendes. Da ein Maß zu finden, mit dem man einige Jahrzehnte haushalten kann, gehört zum Schwierigsten, was ich überhaupt erlebt habe."
Wer hören will, was an Genie und musikalischer Treffsicherheit in ihm steckt, braucht tatsächlich nur ältere Maazel-CDs zu hören. Seine frühen Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern (1957 bis 1962), seine Wiener Neujahrskonzerte aus den Jahren 1980 bis 1983 und seine "Madame Butterfly" (mit Renata Scotto) sind Wunder an temperamentsbesessener Präzision. Irgendwann aber entspannte sich Maazels Stil. Es machte sich eine Einstellung breit, die bei so vielen Dirigenten seiner Generation zu beobachten ist: die Haltung, dass man die Sache doch etwas relaxter angehen lassen könnte.
Wenn Maazel jetzt letztmalig mit den New Yorker Philharmonikern auf Tour ist (nach sieben Jahren übergibt er das Orchester demnächst an Alan Gilbert), so kann man gleichwohl das Zusammenspiel mit einem Orchester bewundern, das Maazel als die einzige Liebesaffäre seines beruflichen Lebens bezeichnet hat. Die Schlagtechnik des alten Mannes ist noch immer die wohl beste der Welt (eine Frage des Handgelenks). Und mit dem beruflichen Ennui scheint es auch vorbei.
Maazel neigt neuerdings zu einer Alterswut auf dem Podium - dazu, die Diva als Domina auszuspielen. Das führt, etwa in Strawinskys "Sacre du Printemps", zu einem ungeahnt kultischen Chaos. Ganz wunderbar.
Auch in seiner eigenen Wahrnehmung sind Maazels Dirigenten-Tage offenbar gezählt. Wach geworden, bricht in seiner Garderobe ein Satz aus ihm heraus, der das Credo seiner späten Jahre sein könnte.
"Ich will Tennis spielen."
New York Philharmonic auf Tour:
3., 4.9. Luzern,
5., 6.9. Essen,
8., 9.9. Paris,
10.9. Stuttgart,
11.9. Baden-Baden,
12.9. Bonn.