Madonna John Wayne auf Stilettos
Sie ist es nicht gewöhnt, dass man ihr widerspricht, und natürlich galt diese Regel auch am letzten Abend des vergangenen Jahrhunderts in Miami.
Donatella Versace hatte zur großen Silvesterparty geladen ins Haus ihres ermordeten Bruders Gianni, als davor, begleitet von einer Polizei-Eskorte, eine Limousine hielt. Es entsteigen ihr Madonna und ihr damaliger Flirt und jetziger Ehemann, der britische Filmregisseur Guy Ritchie.
Ritchie grummelte, ihm erscheine dieser gewaltige Auftritt ein wenig extrem, worauf ihn Madonna mit bösem Blick zurechtwies: "Du weißt ja, ich hasse Verkehr."
Ein Glück, dass Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow im langen Abendkleid vorbeistreifte und Madonna eine Schulter bot, an der diese sich auslästern konnte. "Gwyneth, er muss noch eine Menge lernen, wenn er mit einer Dame von Welt zusammen sein will."
Anscheinend war Guy Ritchie kein absolut hoffnungsloser Fall. Während Madonna sich auf eine viermonatige Tournee vorbereitet, sitzt er, fern von seiner geliebten englischen Heimat, im Haus seiner Ehefrau in Los Angeles und sorgt sich um ein gemeinsames Baby namens Rocco.
Die Mama will es noch einmal wissen. "Ich fühle mich wie ein Tier, kurz bevor es den Käfig verlässt", sagt sie. "Ich habe eine ziemlich unauffällige häusliche Existenz geführt. Ich vermisse die Auftritte, das Tanzen und das Gefühl, ,on the road' zu sein."
Damit ist nun Schluss. Seit dem Tourstart in Barcelona vergangenen Samstag wirbelt Madonna mit ihrer "Drowned World"-Tour über die Bühnen, am Dienstag nächster Woche will sie für vier Auftritte nach Berlin kommen - und der Aufwand ist, wie stets, wenn sie etwas anpackt, so riesig, als handelte es sich um ein Formel-Eins-Rennen.
Szenen einer Ehe
Zehn Tänzer begleiten die Hauptdarstellerin auf einem Trip durchs Madonna-Land - jener Fabelwelt ihrer Images und Kunst-Figuren: vom "Punkgirl", das, angetan mit schwarzen Bondage-Jeans, einem zerfetzten Hemd und einem Schottenkilt, den Anfang ihrer Karriere feiern soll, über das "Geisha Girl" zur jüngsten Erfindung der Verwandlungsartistin - dem "Cyberpunk Cowgirl". Dazu gibt es Theater-Einlagen eines weiteren Klassikers: der Beziehung zwischen Madonna und den Männern. Szenen einer Ehe in Glamorama.
Das alles ist natürlich prachtvoll inszeniert, doch als echte Überraschung gilt eine Tatsache, die niemand so recht erklären kann - Madonna, unbestrittener Weltchampion der Persönlichkeitskonstruktion, spielt Gitarre. "Sie hatte in den letzten Monaten Unterricht, und jetzt will sie auch andere damit beglücken", sagen Leute aus ihrer Umgebung. Auch sonst gehört die Musik durchaus zur Inszenierung. "Ein bisschen weniger Herumgehopse", sagt Liz Rosenberg, Managerin der Diva, "man sieht die Band."
Vollkommen von der Bildfläche verschwunden ist dagegen das italienische Schneiderteam Dolce & Gabbana. Hatten die notorischen Mailänder Hofschranzen noch im letzten November Madonna für einen Clubauftritt in London Cowboyhüte und einen elektrisch betriebenen Bullen entworfen, gibt es jetzt im Reich Madonnas lange Phasen des Schweigens, sobald die Rede auf die Couturiers kommt.
Den Platz von D & G, wie sie unter Modeprofis heißen, haben längst andere Jungs eingenommen: Dean und Dan Caten, zwei Brüder aus Kanada, jung und von Madonna ja so absolut geliebt. Die Spezialität der beiden: "Mud-Jeans", eine Hose, die unten am Hosenschlag kunstvoll verdreckt ist. "Sieht aus wie die eines Rancher in Wyoming, der damit wirklich arbeitet", sagt Rosenberg. "Kostet aber vermutlich 20 Millionen Dollar."
Don Madonna Corleone - ein Kontrolljunkie
Die Mud-Jeans, die Gitarre und ungefähr so viel Gerät, wie benötigt wird, um eine Mondrakete zu starten - Madonna lässt nichts unversucht, um ihren Pop-Thron zu sichern, den im Laufe der letzten Jahre Kinder und Halbwüchsige stürmen wollten: allen voran eine 19-Jährige aus Louisiana namens Britney Spears, die im Schulmädchenkostüm über den Globus raste, "... Baby, One More Time" forderte und später kokett gestand: "Oops! ... I Did it Again."
Wie verteidigte sich Madonna? Bekam ein Kind von ihrem kubanischen Fitnesstrainer, der zwar genetisch brillierte, dafür weniger in der Rolle des Vaters, weshalb er gegen eine siebenstellige Dollarsumme alle Rechte am Kind abtreten musste; versuchte ihr Glück in Hollywood, was nach zähem Bittbriefeschreiben und einem "Golden Globe" für "Evita" wie ein schneller Triumph aussah und mit dem Flop "Ein Freund zum Verlieben" einer öffentlichen Vertreibung gleichkam; nahm, als klar war, dass es nichts werden würde mit der schauspielerischen A-Liga, zwei Platten auf, die erstmals auch in seriösen Feuilletons gelobt wurden, und trug ansonsten herablassend ein T-Shirt mit glitzernder Aufschrift.
"Britney Spears" war darauf zu lesen. Entworfen von Dolce & Gabbana, die glaubten, Madonna damit einen Gefallen zu tun. Wahrscheinlich muss man in der Modebranche arbeiten, um sich darüber zu wundern, dass dieser Schmeichelversuch nicht von Dauer war.
Nur der Sieg zählt, und jeder Platz jenseits der Nummer eins ist eine Niederlage. Zwar gilt Madonna ihren Fans noch immer als die unanfechtbare Herrscherin des Pop, aber sie selbst ist nervös, ja unsicher - und nicht ganz ohne Grund. Sie ist Mutter von zwei Kindern, 42 Jahre alt und war seit acht Jahren nicht auf Tour - im Entertainment-Business eine ziemlich lange Zeit.
Nicht gerade leichter wird die Tournee durch den Umstand, dass Madonna nie viel Geschmack am herumreisenden Zirkusleben fand. Sie verdankt ihre Karriere dem Glamour moderner Multimedia-Technik, nicht dem altmodischen Herumschwitzen auf schlecht klimatisierten Bühnen. "Sie ist keine Straßenkriegerin", sagt Rosenberg.
Mit leichtem Grausen erinnern sich Leute, die mit ihr gearbeitet haben, an die vorangegangenen Tourneen. Madonna, die als Kontrolljunkie gilt, vereinigte wie ein Pate Don Madonna Corleone alle Macht auf sich und brach unter dieser Last fast zusammen. Die Kombination aus Management, Hauptdarstellerin und Mutter der Kompanie war selbst für ein Mädchen, das Ärger liebt, ein bisschen viel.
Schmutzige Blicke von schmierigen Typen
Wenn einer ihrer schwulen Tänzer schlecht drauf war, spendete Mama Madonna Trost. Wenn die ersten Reihen im Publikum mit steifen Managern bevölkert wurden, suchte sie hinter der Bühne sofort den Schuldigen: "Wer hat mir diese verklemmten Industrietypen angetan? Sitzen da mit verschränkten Armen und werfen mir schmutzige Blicke zu."
So sehr sie versuchte, die Starke zu spielen, manchmal musste man fast Mitleid haben mit ihr. Glenn O'Brien, ein New Yorker Autor, der ihr bei den Büchern "Sex" und "The Girlie Show" half und bei dessen 50. Geburtstag sie das Marilyn-Ständchen "Happy Birthday, Mr. President" wisperte, sagt: "Das Tourleben hat ihr keinen Spaß gemacht. Sie schlief mies, sie aß kaum noch. Sie sah wirklich schlecht aus. Es war einfach zu viel Arbeit."
Es mag ein Fluch auf der Bühne lasten - Madonna ist entschlossen, die Bretter des Ruhms zurückzuerobern, so wie Ali 1974 den Boxthron zurückforderte im Dschungel von Zaire gegen George Foreman. Madonna hat über 130 Millionen Alben und Singles verkauft, ihr Vermögen wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt, und natürlich wird sie die "Drowned World"-Tour noch um ein paar Millionen Dollar reicher machen.
Aber darum geht es nicht. Es ist ein Kreuzzug gegen das Alter, gegen die Beschränkungen des Mutterschicksals und gegen die Angst. Und es ist der Versuch, vom Status einer Popsängerin endgültig aufzusteigen in den Himmel der Diven - jener Etage, auf der Legenden vom Schlage Marlene Dietrich und Maria Callas logieren.
Madonnas eigene Ansprüche sind Verheißung und Qual zugleich. "Es ist nicht damit getan, auf die Bühne zu marschieren und ein paar Lieder zu singen", sagt Madonna. "Es geht um Theater und Drama und Überraschung und Spannung. Ich freu mich drauf, aber ich bin auch nervös. Ich frage mich dauernd: Kann ich es? Es ist ein Riesenunternehmen, und jetzt habe ich zwei Kinder."
Besessen wie Napoleon
Es ist dieser harte Glamour, zusammengesetzt aus Wille, Arbeitseifer, Sexspaß und Durchsetzungskraft, mit dem sie zum Idol wurde für Millionen von Frauen. Die Ikonen vor ihr hießen Marilyn Monroe und Princess Di, und deren Zauber strahlte vor allem durch ihre Unsicherheit, ihre Passivität und Verletzlichkeit. Marilyn und Diana waren der Welt und den Männern ausgeliefert, sie waren verzweifelt, ihre Leiden äußerten sich in Tabletten- und Magersucht.
Nicht eine dieser Charaktereigenschaften passt auf Madonna - jene manische Perfektionistin, die Drogen verabscheut und eigentlich nur nach einer Sache süchtig ist: Ruhm, ihrem Lebensthema Nummer eins. "Sie ist der ehrgeizigste Entertainer aller Zeiten", sagt ihr Freund O'Brien. "Sie will in jedermanns Dasein eindringen. An Besessenheit können es nur noch Napoleon und römische Eroberer mit ihr aufnehmen."
Es gibt viele, die in dieser Kraft, diesem Triumph des Willens einen neuen Feminismus sehen. "Madonna", schrieb die amerikanische Professorin Camille Paglia, "hat das Weinerliche und Puritanische des amerikanischen Feminismus bloßgestellt. Sie hat junge Frauen gelehrt, feminin und sexy zu sein, ohne dabei die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Sie zeigt Mädchen, attraktiv zu sein, sensibel, energetisch, ehrgeizig, aggressiv und lustig - alles gleichzeitig."
Es war eisenharte Willensstärke, mit der es Madonna schaffte, aus einem Kaff namens Bay City, gelegen in der Nähe der Autostadt Detroit, auszubrechen und die Treppe emporzusteigen zu den Superlativen des Pop-Ruhms. Ihre Erfolgsgeschichte ist so amerikanisch wie die Freiheitsstatue, aber beeindruckend ist sie auch.
Karrierewusch: Nonne oder Star
Die Großeltern von Madonna Louise Veronica Ciccone waren mit dem Schiff aus Italien eingewandert, hatten kaum ein Wort Englisch gesprochen und kamen nur bis ins von Stahlwerken verrußte Pittsburgh. Madonnas Vater schaffte es immerhin in die Fabrik von Chrysler, als Design-Ingenieur. Als Madonna sechs Jahre alt war, starb die Mutter. Madonna blieb zurück, als Drittälteste von sechs Geschwistern.
Ihre Kindheit bestand fortan aus Windelwechseln, Babysitten, Panikattacken und Alpträumen - und Zuhausebleiben. Sie fand Zuflucht in ihrem ersten Image: Cinderella, Aschenputtel. "Ich hatte diese Stiefmutter", sagt sie, "ich durfte nie raus, ich musste schreckliche Kleider tragen und dauernd arbeiten." Später beneidet sie ihre Brüder, Jungs überhaupt. Zum Ausgleich durfte Madonna in die katholische Kirche. Jeden Tag, morgens vor der Schule.
Madonna rebelliert, indem sie die Geschlechterrollen verbiegt. Sie ist frech und vorwitzig wie ein Junge, aber sie ist kokett wie ein Mädchen. Sie rasiert ihre Achselhaare nicht, schmückt ihre Lippen mit knallroter Farbe. "Schlampe" nennen sie die Leute in Bay City. "Jungs haben mich nicht verstanden", sagt Madonna, "sie begriffen nicht, dass ich eine eigene Meinung hatte und trotzdem flirten wollte."
Madonna sucht einen Weg, aus diesem Belagerungszustand zu flüchten, und findet ihn im Ballett. Von zwei Möglichkeiten einer Karriere träumt sie jetzt: Nonne werden oder ein Star.
Mit 19 kauft sie sich ein Ticket nach New York, One Way. Es ist ihre erste Flugreise, sie hat 35 Dollar in Cash dabei, einen Koffer voller Kleider und einen Wintermantel. Als ein Taxifahrer sie am Flughafen fragt, wohin, ist ihre Antwort knapp und eindeutig: "To the middle of everything." Der Taxifahrer lädt sie ab. Mitten am Times Square. Mitten im Sommer. Im Herzen Babylons.
Abendessen aus der Mülltonne
Zwar floh sie schnell vom Times Square, aber jene Mitte von allem, jene imaginäre Schnittstelle neuer Mythen, neuer Sounds, neuer Looks - jenes Herz der Popkultur hat sie nie wieder verlassen. Natürlich war es hart anfangs, auch nur einen kleinen Fetzen davon in die Finger zu bekommen. Vor ihrem Mini-Apartment Junkies und Ratten, drinnen Kakerlaken, das Abendessen manchmal aus der Mülltonne. Am nervigsten aber, sagt Madonna, war es, keine Dusche zu haben, "mit Idioten ausgehen zu müssen, nur um sie nach Hause zu begleiten und danach ihr Bad benutzen zu dürfen".
New York Anfang der achtziger Jahre ist erbarmungslos, aber es ist auch eine offene Stadt. Schnell merkt Madonna, dass sie ihre Pläne als Ballerina aufgeben kann, sie spielt Schlagzeug in einer Band, den größten Fleiß aber entwickelt sie, wenn es um Männer geht, die ihr nutzen könnten auf dem Weg nach oben. Da ist Steve Bray, der ihr beim Songschreiben hilft; da ist Mark Kanins, der ihre Demo-Tapes in der angesagten Disco "Danceteria" spielen soll; da ist Jellybean Benitez, der ihre Songs abmischen soll, da ist Basquiat, neuester aufstrebender Star am Hofe des Pop-Art-Fürsten Andy Warhol. "Ich kann ein Luder sein", pflegte Madonna ihre Macht über ihre Liebhaber zu feiern. "Ich will immer mehr."
Wahrscheinlich passte es ihr bestens, dass andere ihr Vamp-Image verstärkten, wenn sie sich zuflüsterten: "Sie saugt die Männer aus und wirft sie weg."
Zu einer anderen Zeit wäre sie ziemlich sicher geendet wie Mimi in der Oper "La Bohème": fallen gelassen, verarmt und irgendwann tot in einer Absteige. Aber bei aller Leidenschaft für wilde Nächte, Madonna war eine Überlebenskünstlerin. Nicht Janis Joplin, die den Blues sang und starb mit einer Nadel im Arm; nicht Debbie Harry, die verschwand und sich um ihren kranken Mann kümmerte; nicht Patti Smith, die ausbrannte, weil ihre Energie im Pop keinen Platz mehr fand.
Madonna war anders. Sie konnte nicht besonders gut singen, und sie hatte wenig damit am Hut, ihre Seele vor ein paar Whiskey saufenden Streunern auf der Bühne einer drittklassigen Bar zu entblößen. All das war Schnee von gestern, die sechziger und siebziger Jahre. Madonna wollte etwas Neues, und als es da war, schnappte sie zu wie ein Piranha, pfeilschnell und ohne Scham.
1981 war der Musiksender MTV erstmals auf Sendung gegangen, DJs und elektronische Rhythmen waren dabei, dem Rock'n'Roll auf dem Lebensnerv herumzutanzen, und Madonna begriff als eine der Ersten, dass hier eine neue Pop-Ära begann.
Elektrische Gitarren und echte Konzerte schön und gut, aber die unendlich reproduzierbaren Möglichkeiten lagen im Video, im elektronischen Mix und im Tanz. Es galt, mit diesen Mitteln ein Image der eigenen Person zu erfinden, es riesig aufzublasen und es, bevor es alt und langweilig wurde, sofort zu ersetzen: durch eine neue Madonna. Die Party feiern, abkassieren, verduften, mit neuer Maske zur nächsten Party und alles wieder von vorn - das war die neue Pop-Autorenschaft: Selbstbedienung im Supermarkt der Legenden.
Die Jungfrau und die Hure
Madonna in den Achtzigern und frühen Neunzigern: Das war ein Mädchen, das sein Publikum schwindlig spielte. Immer neue Selbstentwürfe, mal ernst, mal ironisch und stetig nur in der Darstellung schwieriger Mädchen - die Schlampe, die Jungfrau, die Glamour-Queen, die Striptease-Tänzerin, Marilyn Monroe, Domina. Aus dieser Parade formte sie ihr zweites Lebensthema: den Kreuzzug für eine mutige weibliche Sexualität. "Sie hat klargestellt, dass Frauen in der Sexualität das dominierende Geschlecht sind", jubelte Paglia. "Sie hat die zwei auseinander gerissenen Hälften der Frau neu zusammengesetzt. Maria, die Jungfrau, und Maria Magdalena, die Hure."
Bei all ihren Verwandlungen, bei all ihrer Komplexität aber, und daran scheiterte vermutlich ihre Kinokarriere, blieb Madonna letztlich immer dieselbe: ein Monument der Entschlossenheit - John Wayne (dem man zeit seines Schauspielerlebens vorwarf, dass er immer nur John Wayne spiele) auf Stilettos.
Madonna wurde geprügelt für ihre Video- und Fotoexzesse, und wie eine echte Kämpferin bewies sie Nehmerqualität, weil sie sich wohl fühlte auf der großen Bühne, weil sie nie etwas anderes wollte als berühmt sein - und dazu ein Publikum, das darüber rätselt, warum sie ein glitzerndes Kreuz um den Hals trug und im nächsten Augenblick eine Peitsche in der Hand.
"Sie kann nicht ohne Kamera leben", hat ihr damaliger Liebhaber, der Hollywood-Star Warren Beatty, in ihre Dokumentarkamera genörgelt, "es gibt nichts zu sagen ohne Kamera. Madonna, was wäre das Leben wert ohne Kamera?"
Das "hardest working girl in showbusiness" hat diese Frage bis heute nicht beantwortet und wird es wohl nie tun. Es ist unmöglich, mit solcher Gewalt berühmt sein zu wollen und sich fortdauernd mit der Frage zu quälen, warum das so ist.
Statt in die gründliche Erforschung ihres Innenlebens steckte Madonna viel von ihrer Energie in den Ausbau ihres Imperiums, zu dem seit 1992 auch ihre eigene Plattenfirma "Maverick" gehört.
Damit hat sie ihr drittes großes Thema - das der weiblichen Selbstbestimmung - auch für die Buchhalter der Popkultur vorgeführt. Sie ist der Boss, in ihrem Leben, in ihrem Business. Und sie wird nicht müde, mit dieser Tatsache jene Kulturkritiker zu ärgern, die sie anfangs, ganz schlau, als ferngesteuerte Tanzmaus fremder Konzerne verhöhnt hatten. Längst ist sie ein Markenzeichen, welches sie selbst verwaltet: Madonna Inc.
Das ist natürlich ein ebenso glamouröser wie einsamer Job, und Mitte der neunziger Jahre begann sie manchmal daran zu zweifeln, ob sie mit ihrem Allmachtsanspruch nicht doch übertrieben hat. "Meine Generation", sagt sie, "wurde dazu ermutigt, sich selbst zu verwirklichen, superunabhängig zu sein, den eigenen Träumen zu folgen und der Welt in den Hintern zu treten, aber eines Tages habe ich festgestellt, dass diese frechen, cleveren Mädchen für Männer der absolute Schrecken sind: Warum hat mich niemand vor mir selbst gewarnt?"
Auf der Suche nach dem Cowboy-Poeten
Vielleicht hätte ja ein wenig Common Sense geholfen. Es kommt nicht unbedingt gut an, wenn man sich filmen lässt, wie man im Nadelstreifenanzug den Schuhabsatz auf die nackte Männerbrust stellt oder im echten Leben Typen dadurch kennen lernt, dass man im Nachtclub auf ihrem Rücken eine Zigarette ausdrückt, frei nach dem Motto von Madonnas Schwester im Herzen, der Sängerin Cher, die forderte: "Nehmt ihn, wascht ihn und schafft ihn in mein Zelt."
Denn einer der Grundirrtümer des "Material Girl" war, dass Macht alles regeln kann. Gerade die Jungs, die Madonna stets haben wollte, lassen sich nicht domestizieren wie ein Haustier. Seit ihrer Kindheit verfolgt sie ein romantisches Ideal, welches sie einmal "den Cowboy-Poeten" genannt hat. Nur: Wenn sie ihn endlich daheim hatte wie ihren früheren Ehemann, den Schauspieler Sean Penn, dann krachten die Egos aufeinander und die Teller gegen die Wand.
"Sex war nie unser Problem. Im Bett waren wir großartig. Der Ärger ging normalerweise los auf dem Weg zum Badezimmer." Das Zitat stammt von der Schauspielerin Ava Gardner, und gemeint war ihre Beziehung zu Ehemann Nummer drei, Frank Sinatra. Gardner starb viele Affären und einen Schlaganfall später einsam in London. Nicht unbedingt ein Schicksal, nach dem sich Madonna heimlich sehnt.
Schon deshalb, und weil sie eine echte Italo-Amerikanerin ist, heißt ihr viertes großes Lebensthema nach Ruhm, Sex, Unabhängigkeit nun: Familie. Mit dem Regisseur Guy Ritchie hat sie wieder so einen Cowboy-Poeten gefunden, und wie fast jede moderne Frau kehrt sie nach der Geburt ihres Kindes an ihren Arbeitsplatz zurück, um festzustellen, wer sie eigentlich ist.
Das ist natürlich riskant, aber verglichen mit der Gründung einer Familie im Amerika des 21. Jahrhunderts eine leichte Übung. Nicht einmal mehr ein Viertel aller US-Haushalte, so hat die "New York Times" kürzlich ausgerechnet, seien intakte Familienverbände. Schon deshalb bleibt Madonna auf vertrautem Gelände: Heiraten und Kinderkriegen ist heute ein Ding für Minderheiten und Außenseiter - ein Akt der Rebellion.