Madonna Revolution ohne Tricks
"Ich habe das Gefühl, ich müsse tanzen", hat Madonna einem Interview mit dem US-Magazin "Billboard" über die Zeit gesagt, in der sie für ihre neue CD "Music" ins Studio ging. Für die Tanzfläche sind dann aber doch nur die ersten drei Songs geeignet: "Music", "Impressive Instant" und "Runaway Lover" mit ihren harten Beats, den treibenden Bässen und wild zuckenden Soundeffekten kann man als DJ in einem einzigen Dance-Mix durchspielen. Dies sind zugleich jene Songs, in denen Madonna sich selbst, also ihre Stimme hinter die Beats zurücknimmt. Nach Track Nummer drei allerdings hat Madonna das wilde Tanzen über, haucht ein melancholisches "I deserve it" und zieht sich aus dem blitzenden Licht der Discokugel in das verrauchte Halbdunkel des Clubs zurück. Fortan beherrschen drei Elemente ihre Songs: Natürlich Madonnas Stimme, mal hell und klar, mal verhalten und gepresst, dazu die Akkorde einer akustischen Gitarre und darunter dumpfe Computer-Beats, die wie ein langsamer, elektronischer Herzschlag tuckern oder als Shuffle heranschleichen und den Bauch in Bewegung bringen.
Keine Frage, mit "Music" beschreibt Madonna ihre Version des urbanen Club-Sounds. Die sphärischen Höhen des Vorgängeralbums "Ray Of Light" mit dem in psychedelischer Soundfülle strahlenden "Beautiful Stranger" und dem zauberhaft schwelgerischen "Frozen" sind einem puren, rauen Sound gewichen, bei dem die trendige Billig-Elektronik nur noch als Beiwerk bimmeln darf und nur noch gelegentlich, in Songs wie "Gone", spacige Klänge vorbeischweben. Sechs Nummern auf "Music" hat Madonna zusammen mit dem französischen Dance-Produzenten Mirwais Ahmadzai eingespielt, dessen Handschrift sich in der Betonung auf den Grooves und im weit gehenden Verzicht auf Effekte zeigt. Stattdessen nutzt er simple Versatzstücke wie ein abgehacktes Gitarrenriff, das stark an "Sweet Home Alabama" erinnert, um daraus - bei "Don't Tell Me" - ein Thema zu erzeugen, das den ganzen Song trägt.
Das alles ist nicht wirklich neu, aber für Madonna stellt "Music" mit seinen bewusst bescheidenen Mitteln eine kleine Revolution dar. Der im Vergleich zu ihren früheren CDs spartanische Sound ohne viele Tricks gibt ihr den Raum, ihre Stimme sparsam, aber umso betonter einzusetzen - so verleiht sie den Liedern eine Ausstrahlung, die weniger glamourös, aber dafür wärmer und tiefer hervorscheint als je zuvor. Das gilt für das traurige "Paradise (Not For Me)" ebenso wie für ihr altes Mädchen-Thema "What It Feels Like For A Girl" oder den fröhlichen Pop von "Amazing".
Selbst die abgespeckte CD-Version von "American Pie", bei der Schauspieler und Busenfreund Rupert Everett die Backvocals singt, klingt überzeugender als die vorab veröffentlichte Single. Dennoch wirkt die Neuaufnahme des Don-McLean-Klassikers mangels wirklich guter Einfälle etwas überflüssig - allerdings als einziger Song auf "Music", einem ausgezeichneten Album, das zwar nicht unbedingt einen Meilenstein für den Club-Beat, aber sicher für Madonnas Karriere bedeutet.
Madonna: "Music" (Maverick/Warner), veröffentlicht am 18. September 2000