Mäzene und Sponsoring bei Jazz-Festivals - DER SPIEGEL
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Jazz-Festivals: Spender gesucht!

Festivals Wenn der Jetset den Jazz ermöglicht

Weil Musiker vor allem von Konzerten leben, werden Festivals dringend gebraucht. Im Sommer und Frühherbst gibt es besonders viele davon - möglich werden sie aber meist nur durch Finanzspritzen von Mäzenen und Sponsoren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Willkommen in unserem Wohnzimmer", sagt Christian Jott Jenny, wenn er das Publikum im rustikalen Dracula Club von St. Moritz begrüßt. Bei etlichen Konzerten erwähnt der Festival-Organisator dann den "Enabler des Abends". Das war beim diesjährigen Auftritt von Chick Corea der Schweizer Vermögensverwalter Hellmi Beerli. Ein Herr steht auf, die Leute klatschen. Das Konzert beginnt. Ohne "Enabler" (Möglichmacher), wie Jenny die Mäzene nennt, wäre das "Festival da Jazz", das in diesem Jahr am 11. August endete, nicht machbar. Zwar verlangen prominente Künstler für die Jazz-Sause im pittoresken Alpen-Ambiente nicht ihre Höchstgage. Aber das Fünf-Wochen-Event in der nur gut 150 Gäste fassenden Spielstätte kostet doch rund eine Million Schweizer Franken.

"Im Mäzenatentum", definierte kürzlich die "Süddeutsche Zeitung", "steckt die Idee der Aufopferung von Finanzmitteln für etwas, was man für kulturell wertvoll und erhaltenswert erachtet." Mäzene vollbringen ihre guten Taten weitgehend ungenannt aus dem Hintergrund - im Gegensatz zu Sponsoren, die Kultur zu ihrer Imagepflege fördern und deshalb sehr wohl ihren Namen herausstellen. Der Jazz braucht beide Spezies.

Überall sichtbar waren in St. Moritz Wagen der japanischen Automarke Lexus, die als Hauptsponsor alle Transporte des Festivals besorgte und zudem mit einer Geldspende dabei war. Beim Hamburger Elbjazz im Mai trugen Audi-Limousinen das Festival-Logo. Denn dort co-sponsort die deutsche Autofirma (die auch das Schleswig-Holstein Musikfestival und die Salzburger Festspiele unterstützt) das Ereignis. Beide Festivals locken mit Spielorten, die normalerweise der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind: In St. Moritz überlässt Mäzen Rolf Sachs, der Sohn des Dracula-Club-Gründers Gunter Sachs, den sonst nur im Winter geöffneten, privaten Club den Jazzern. In Hamburg verwandelt Sponsor Blohm + Voss das Werftgelände an der Elbe für zwei Tage in eine Event Location mit mehreren Bühnen.

Viele Mäzene haben einst selbst musiziert

Wie kommt so etwas zustande? "Akquisitionsbemühungen von Tina Heine", erklärt Blohm + Voss-PR-Chef Michael Brasse. Festival-Macherin Heine, 39, muss rund ein Drittel des Festival-Budgets durch Sponsoring und öffentliche Förderung hereinholen - das bedeutet Einsatz rund um die Uhr. Auch ihr Schweizer Kollege Jenny, 34, ist "die meiste Zeit mit Fundraising beschäftigt". Sponsoren tragen in St. Moritz 40 Prozent der Finanzierung, fast 25 Prozent kommen von den 99 Mitgliedern des Gönner-Clubs "Amis da Festival da Jazz" - Mäzenen aus dem Jetset-Milieu.

Den Jazz in Hamburg fördert seit vielen Jahren Ernst Langner. Der erfolgreiche Geschäftsmann bezahlt beim Elbjazz die Bühne der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Für deren Jazz-Abteilung hat Langner zwei Stiftungsprofessuren finanziert, Stipendien gespendet und Instrumente gekauft.

Langner führte den Hamburger Jazzpreis ein und finanziert den deutschen Jazz-Journalisten-Preis beim Bremer JazzAhead Festival. "Ein Überzeugungstäter", nennt HfMT-Jazz-Chef Rolf Kerschek den Mäzen, den die "Welt" als "smart auf hanseatische zurückhaltende Art, warmherzig offen und hart kalkulierend" beschreibt. Der 70-Jährige finanzierte sein Studium als Saxofonist und Klarinettist. Später wurde er mit Einkaufzentren Millionär. Nun will er mit seiner Dr. E. A. Langner-Stiftung "zurückgeben, was ich bekommen habe".

Etliche Jazz-Mäzene versuchten sich in ihrer Jugend als Musiker und bewundern als gemachte Männer, was die Profis bieten. Anders Baronin Pannonica de Koenigswarter. Die 1988 verstorbene geborene Rothschild begeisterte sich als Diplomatengattin in Afrika für schwarze Kultur. Später ließ sie sich in New York nieder und half den afroamerikanischen Bebop-Jazzern mit Geld und im Umgang mit den oft rassistischen Behörden. Die Baronin kümmerte sich um Erkrankte, nahm Bedürftige auf - Charlie Parker starb 1955 in ihrer Suite im New Yorker Stanhope Hotel, Thelonious Monk lebte monatelang in ihrem Haus am Hudson River.

Die Musiker verehrten die Baronin als ihre Muse und widmeten ihr Kompositionen. "Pannonica" von Monk und "Nica's Dream" von Horace Silver werden bis heute gespielt - und erinnern an die Mutter aller Mäzene des Jazz.


Auswahl kommender Jazz-Festivals:

Internationales Jazzfestival Saalfelden,  Saalfelden/Österreich, 22.-25.8.;
Jazz Festival Willisau,  Willisau/Schweiz, 28.8.-1.9.;
Audi Jazz Festival,  Köln, 6.-8.9.;
Multiphonics Festival,  Fulda, 13.-15.9.;
Jazzfestival Freiburg,  Freiburg/Br., 14.-22.9.;
Internationale St. Wendeler Jazztage  "Stimmen", St. Wendel, 20.-22.9.,
Internationales Jazzfestival "VS swingt",  Villingen-Schwenningen, 26.-29.9.;
Internationales Jazzfestival Viersen,  Viersen, 27.-29.9.;
Leizpiger Jazztage,  Leipzig, 27.9.-6.10.

Am 12. November erscheint die Biografie Die Jazz-Baroness von Hannah Rothschild auf deutsch im Berlin Verlag.