Mafiamusik Folklore des Verbrechens
Vor ein paar Jahrzehnten hätten Francesco Sbano, Maximilian Dax und Peter Cadera als besonders mutige Zeitgenossen gegolten. So mancher hätte sie sogar lebensmüde geschimpft. Früher hatte man nämlich noch Angst vor der Mafia. Heute gibt es die "Sopranos". Deshalb dürfen die drei, allesamt Initiatoren und Produzenten der CD "Il Canto Di Malavita - La Musica Della Mafia", auch getrost als clever bezeichnet werden.
Über zwei Jahre hinweg recherchierte das ungewöhnliche Trio - ein Fotograf, ein Journalist und ein Plattenboss - für ihr ambitioniertes Projekt, das erstmals alte, aus der süditalienischen Provinz Kalabrien stammende Volkslieder einer breiten, vorerst allerdings nur deutschen Öffentlichkeit zugänglich macht. Die melancholischen, mit viel Pathos vorgetragenen Gesänge muten an wie eine mediterrane Version des "Buena Vista Social Club" und werden sich vermutlich ähnlich gut verkaufen. Brisant an den in einem altertümlichen kalabrischen Dialekt gesungenen Liedern ist nur, dass es Lobgesänge auf die "Malavita" sind, auf die Verbrecher, die Mafia.
"Natürlich stellt man sich die Frage: Darf man das einfach so veröffentlichen? Aber letztlich geht es doch vor allem darum, ein wahnsinnig interessantes Kapitel italienischer Musikgeschichte zu beleuchten. Natürlich will niemand die Mafia verherrlichen", sagt Peter Cadera, Chef der Hamburger Plattenfirma Play It Again Sam, bei der die CD erschienen ist. Max Dax, Journalist und Autor aus Berlin, stimmt ihm zu: "Bei einer solchen Veröffentlichung ist es ja auch entscheidend, wie man sie präsentiert, ob man das reißerisch macht und die gängigen Klischees bedient, oder ob man sich um größtmögliche Seriosität bemüht." Dax, der über seinen aus Italien stammenden Freund und Fotografen Francesco Sbano von der alten Mafiamusik erfuhr, entschied sich dankenswerterweise für die zweite Variante.
Wer das mit Spanos düster-geheimnisvollen Schwarzweiss-Fotos bebilderte Booklet der CD aufschlägt, kann viel entdecken. Nicht nur, dass sämtliche Texte der insgesamt 18 Lieder auf Englisch und Deutsch abgedruckt sind, der talienische Musikwissenschaftler Goffredo Plastino verfasste zudem ein Vorwort, dass dem interessierten Hörer einen kurzen Eindruck vom geschichtlichen und kulturellen Hintergrund der faszinierenden Gesänge vermittelt.
In früheren Zeiten, Anfang des 20. Jahrhunderts, hatte die Mafia noch wenig mit der modernen Verbrecherorganisation zu tun, deren öffentliches Image durch Filme wie "Der Pate" oder "Good Fellas" geprägt ist. Damals, als Kalabrien sich mit wechselnden Besatzungen konfrontiert sah, betrachtete man die verschwiegenen Mafiosi eher als patriotische Verschwörer, denn als Verbrecher. Fahrende Musikanten besangen auf Strassenfesten ihre Taten, die sich zumeist um Verrat und dessen Vergeltung drehten, aber auch von der Last ewiger Verschwiegenheitspflicht und den Seelenqualen reuiger Mörder.
Auch heute noch, so Sbano, könne man auf süditalienischen Märkten Sänger treffen, die die alten Tarantellen zur Unterhaltung und Freude der Kalabrier darbieten wie ganz normale Volksmusik. Auch auf Cassetten sei die Musik der Mafia erhältlich, allerdings nur unter der Hand. Der öffentliche Verkauf der Verbrechens-Folklore ist in Italien - wo die Verbrechen der Mafia jedes Jahr mehrere Menschenopfer fordern - nach wie vor verboten. Auch, wenn es sich, so Sbano, letztlich nur um "historisches Kulturgut handelt, das niemanden zum Morden anstiften wird." Wenn man überhaupt von Gewaltverherrlichung sprechen wolle, fügt Dax hinzu, dann müsse man sich zunächst einmal moderner Musikformen wie "Gangsta Rap" annehmen, wo offen und eindeutig zur Gewalt aufgerufen werde.
Davon einmal abgesehen: Wer spricht in Deutschland - und nur dort erscheint "Il Canto Di Malavita" - schon alte kalabrische Dialekte? Was bleibt, ist ein Album voll wunderschön-poetischer Folklore, die noch dazu den verschwörerischen Duft verbotener Früchte verströmt. Sie wird uns den ganzen Sommer über begleiten. Bei seinem Lieblingsitaliener um die Ecke habe er die Platte letztens schon einmal vorgespielt und Begeisterung geerntet, strahlt Peter Cadera. Demnächst gibt's zur Pizza Calabrese also endlich Passenderes als ewig Eros Ramazzotti.
"Il Canto Di Malavita - La Musica Della Mafia", PIAS Recordings 2000