Mahler-Dirigent Harding: Eine fast perfekte 10 - DER SPIEGEL
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Mahler-Dirigent Harding Eine fast perfekte 10

Gustav Mahlers Spätwerk ist selten die Domäne jüngerer Dirigenten. Der Engländer Daniel Harding nahm sich dennoch Mahlers 10. Symphonie vor – und bei ihm klingt sie so frisch und klar wie Quellwasser.
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Das kulturelle Glück ist mit den Bremern: Sie haben zum Beispiel das feine Kunstmuseum auf der Weserinsel. Und natürlich die populäre Bremer Kammerphilharmonie, für die es das seinerzeit größte Glück war, mit Daniel Harding von 1999 bis 2003 auf einen Chefdirigenten zählen zu können, der auf dem Sprung zur großen internationalen Karriere mal eben in der Hansestadt fruchtbare Zwischenstation machte.

Inzwischen ist der 1975 im englischen Oxford geborene Harding weitergezogen und hat vor allem als Operndirigent überzeugt: 2006 räumte er mit seinem "Don Giovanni" in Salzburg ab, er dirigierte im selben Jahr an der Mailänder Scala "Salome" und beim Festival in Aix-en-Provence Mozarts "Figaro". Jetzt debütierte er ganz frisch und selbstbewusst bei seinem neuen CD-Label Deutsche Grammophon – ausgerechnet mit den Wiener Philharmonikern, ausgerechnet mit Gustav Mahlers fragmentarischer 10. Symphonie.

Denn die Wiener und Harding: Das war keine Liebe auf den ersten Blick. Im Dezember 2004 dirigierte er im Wiener Musikverein Mahlers 10., und das Konzert geriet nach Kritikermeinung nicht gerade zum Erfolg. Der Dirigent, ein "Windrad", das vor einem Orchester stand, "das offensichtlich nicht wollte", schrieb der "Standard" im Anschluss an das Konzert. Wie sehr sich der Wind gedreht hat, zeigen schon die ersten Takte der soeben erschienenen Neuaufnahme der heiklen Symphonie: Klar, schwungvoll und dennoch filigran ausgearbeitet beginnt das Adagio, der einzige Satz des Großwerkes, den Gustav Mahler komplett auskomponiert hat. Der Rest waren Skizzen, Notizen, Entwürfe. Lange Zeit nach Mahlers Tod wurde, wenn überhaupt, nur der vollendete erste Satz aufgeführt. Es fehlte nicht an Diskussionen und Versuchen, die Fragmente zu einer Art Partitur zu ordnen, doch erst die Arbeit von Deryck Cooke (1919–1976) brachte einen Durchbruch – und dieser kongenialen Arbeit verschloss sich dann auch Alma Mahler nicht, die Witwe des Komponisten. Ihr Plazet ebnete den Weg der letzten Mahler-Symphonie in die Konzertsäle.

Daniel Harding und die Wiener Philharmoniker spielen diese Mahler-Vollendung, an der Deryck Cooke, ein englischer Musikwissenschaftler und langjähriger Mitarbeiter der BBC, seit 1959 gearbeitet hatte. 1965 nahmen Eugene Ormandy und das Philadelphia Orchestra für CBS erstmals dieser Version für eine Schallplatte auf. Doch die Arbeit an Mahlers 10. ließ Cooke nun nicht mehr los: Eine zweite Version entstand, an der Cooke bis zu seinem Tode arbeitete. Gedruckt wurde sie erst posthum. Anerkennung fand sie schon vorher: Sir Simon Rattle begeisterte sich dafür und spielte sie auf Schallplatte ein, was erheblich zum Respekt vor dieser Mahler-Nachschöpfung beitrug. Bis heute ist die Cooke-Version, die mit einigen anderen konkurriert, laut Wikipedia die weltweit meistgespielte.

Daniel Harding zeigt, im Gegensatz zu manch anderen Dirigenten seiner Generation, keinerlei Berührungsängste oder Vorbehalte bezüglich Gustav Mahler. Die Komplexität und die Verwirrungen in seinem Symphonienwerk, die Brüche, schroffen Stimmungswechsel und hemmungslosen Stil-Collagen schrecken Harding wenig. Im Gegenteil, schon in jungen Jahren näherte er sich dem Werk Mahlers an. Diese Unbefangenheit hört man seinen Interpretationen auch heute noch an. Viel Unterstützung erfuhr er hierbei von seinen Mentoren Claudio Abbado und Simon Rattle, die ihren eigenen Weg zu Mahler längst gefunden haben.

Aus dem Mahler, wie er sich in den Original- und Nachschöpfungsnoten darstellt, destilliert Daniel Harding einen Musiker heraus, der spät in seinem Leben zu neuen Ufern aufbrechen wollte, und der dies scheinbar ohne spürbaren Kampf und schrille Kontraste tat. Zwar zieht sich der spröde Geist des Adagios, die drängende Suche nach neuem Ausdruck auch durch die folgenden vier Sätze, doch gelingt es Harding und den Wiener Philharmonikern stets, einen logischen, zwingenden Sog zu erzeugen, der alle Zweifel an der Qualität dieser Vollendung eines Fragmentes im Keim erstickt. Dabei realisieren Orchester und Dirigent einen lupenreinen, durchsichtigen Klang, der fern aller analytischer Kälte jeder Idee und jedem Motiv eigenes Leben einhaucht. Es scheint, als wollten Harding und die Wiener den zwiespältigen Eindruck ihres ersten Mahler-Versuchs vergessen machen – und das gelingt wirklich auf der ganzen Linie. Mit Spannung darf erwartet werden, wie ein sportiver Pult-Youngster wie Harding in zehn Jahren mit Mahler umgeht – jetzt gibt's als Wertung schon mal eine fast perfekte "Mahler 10".