Manic Street Preachers: Der Oasis-Effekt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Manic Street Preachers Der Oasis-Effekt

Pop-Pathos und Klassenkampf: Die walisischen Manic Street Preachers meinten es mit ihrem neuen Album zu gut. "Know Your Enemy" wirkt unausgegoren und überproduziert.
Von Jan Wigger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hätte uns auch überrascht, wenn sich James Dean Bradfield (Gesang/Gitarre), Nicky Wire (Texte/Bass) und Sean Moore (Schlagzeug) auf ihrem sechsten Album "Know Your Enemy" nicht schon wieder verändert hätten. Haben die Manic Street Preachers, immer klassenbewusst und mittlerweile längst zu walisischen Nationalhelden avanciert, doch schon zahlreiche Häutungen unbeschadet überstanden. 15 Jahre nach ihrer Gründung und sechs Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden ihres androgynen Gitarristen Richey James Edwards, dessen Posten bis heute unbesetzt blieb, denkt das Trio nicht nur wieder einmal an die Auflösung der Band, sondern hat auch seine musikalische Richtung ein weiteres Mal geändert.

Waren die drei ersten Alben der Möchtegern-Marxisten noch im Punk verwurzelt, erschloss man mit dem ersten in Trio-Besetzung eingespielten Werk "Everything Must Go" (1996), auch breitere Hörerschichten. Der schwelgerische Nachfolger "This Is My Truth Tell Me Yours" drohte zuweilen im Bombast zu versinken, wurde aber durch geradezu phantastische Songs wie "The Everlasting", "You're Tender And You're Tired" oder "Born A Girl" gerettet. Die "Manics" schienen, trotz teilweise bemühten und oft plakativen Texten über den Klassenkampf, das böse Amerika oder die Entfremdung des Individuums, ihren songschreiberischen Zenit erreicht zu haben.

Um es gleich vorwegzunehmen: Den Standard von "Everything Must Go" und "This Is My Truth..." können die Waliser mit "Know Your Enemy" nicht halten. Das mit 16 Stücken zu lang ausgefallene Werk ist, wie vielerorts angekündigt, nicht etwa eine Rückkehr zum Glam-Punk der Anfangstage, sondern eine recht zwiespältige, zuweilen sogar unausgegorene Mischung jener Ingredienzien, die die Manic Street Preachers bisher zu einer ganz besonderen Band machten.

Zwiespältig deshalb, weil die zweite Albumhälfte nicht das einlösen kann, was die erste, gloriose halbe Stunde verspricht: Da wären der energetische Opener "Found That Soul", der auch hervorragend auf das Album-Debüt "Generation Terrorists" (1992) gepasst hätte, das virtuose "Ocean Spray", dessen Gitarrenarbeit etwas an Blurs "Coffee And TV" erinnert, die herrliche, an Phil Spectors "Wall Of Sound" und die Beach Boys gemahnende erste Single "So Why So Sad" und das etwas spröde, geradezu abgefuckt beginnende "Wattsville Blues" - freilich mit einem archetypischen Manic-Street-Preachers-Refrain ausgestattet.

Doch dann wird es problematisch: "My Guernica", das rührige "Baby Elian" und vier, fünf weitere Songs sind gute Kompositionen, die im Fiepen, Rumpeln und Scheppern der im Vergleich zum letzten Album viel ruppigeren Produktion untergehen. Nur - wo hatten wir das schon mal...? Natürlich. "Be Here Now", das dritte Album von Oasis, krankte an eben diesen Faktoren: Immer noch eine Gitarrenspur mehr drauflegen. Ganz so schlimm sieht es bei "Know Your Enemy" dann aber doch nicht aus. Schaden wird es Bradfield und Co. ohnehin nicht - dafür sind sie einfach zu gut.

Manic Street Preachers: "Know Your Enemy". (Epic/Sony Music); veröffentlicht am 19. März 2001.